Die Hallenaufteilung war unübersichtlich und unlogisch, die Geräuschkulisse enorm, der Sauerstoffgehalt der Luft grenzwertig niedrig und trotz der Unmengen von Buchstaben in Druckerzeugnissen, fehlte eine konsequente Ausschilderung bzw Ankündigung, welcher Autor zu welcher Uhrzeit an den Ständen zugegen sein wird. Die Suche nach dem Programm gestaltete sich etwas schwierig und wurde alsbald aufgegeben, so dass ich eigentlich nur mitbekam, was zufällig in Auge und Ohr kroch.
Auf den ersten Blick waren die Poetry Slammer der ganz große Hype. Veranstaltungen dieser Art dürften in jeder größeren Gemeinde mittlerweile zum Standardprogramm gehören, in Dresden jedenfalls kann man wöchentlich zwischen drei (gefühlten zehn) Vorstellungen wählen. Die gefürchtete Überpräsenz von E-Book-Präsentationen versteckte sich vor meiner Wahrnehmung, so dass ich zufrieden feststelle, dass die Haptik des Lesens andauern wird, das Blättern in Büchern mittelfristig wohl kein aussterbendes Kulturgut ist. Das nächste große Thema war, ich kann ein Gähnen kaum unterdrücken, die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit. Im Jahr 20 nach der Wende haben 15 Millionen potentielle Autoren noch längst nicht alles gesagt. Dass die Kinderbücher heutzutage wieder aufgelegt werden und das sogar richtig erfolgreich, freut mich, weil ich so im Buchladen jedes Mal kleine Zeitreisen mit dem Wolkenschaf, Alfons Zitterbacke und dem frechen Schüler Ottokar unternehme. Zu einem formidablen Menschenauflauf kam es am Stand der ZEIT, wo T.C. Boyle die Frauen erklärte und das an einem Ort versuchte, der ungeeigneter kaum sein kann, direkt vor einer Information und im engen Kreuzungsbereich des Ausstellergeflechts. Ein paar Minuten ging nichts vor und nichts zurück, das kann schon mal die Laune versauen, wenn man ohnehin ziellos umherirrt und nur noch seine Ruhe will. Aber wir waren schließlich nicht zum gemütlichen Schmökern hier und bemerkten erstaunt, dass streng aussehende Damen vor einem sich eifrig Notizen machenden Publikum über Kindererziehung referierten. Ratgeberbücher waren augenscheinlich DER Hit der Messe – wie man glücklich, sportlich, flexibel, ausgeglichen, reich, gesund, kreativ, klug, schön oder autoritär wird – irgendjemand schickt sich garantiert an, Dir den ultimativen Leitfaden an die Hand zu geben. Wenn ein Richard David Precht erkennt „Es gibt kein Gesetz für die Liebe“, landet er damit jedenfalls einen Bestseller und ich überlege, meine Kneipengespräch-Gedächtnisprotokolle zu verbalisieren. Auch spirituelle und religiöse Buchstabensammlungen gab es im unüberschaubaren Ausmaß, politische Bildung sowieso.. ich bleibe trotzig Belletristikfan und verweigere mich dem Sachbuch. Eine Mischung aus beidem versuchen die jungen Wilden, die eher zufälligen Autoren, die eigentlich was ganz anderes machen, meist irgendwas mit Medien und eigentlich gar kein Buch schreiben wollten. Sarah Kuttner zum Beispiel, Kodderschnauze aus dem Musikfernsehen und von mir als durchaus sympathisch eingestuft, schreibt ein Buch über Panikattacken und Depressionen in gerade mal zwei Monaten vom ersten flüchtigen Gedanken zum ersten Rezensionsexemplar. Das ist beachtlich, aber fragwürdig, wenn man bedenkt, dass so eine Depression gar nicht spaßig ist und gern mal etwas länger dauert. Aber das ist vermutlich gar nicht der Anspruch von S. Kuttner, die wollte nur mal darüber schreiben, wie es so ist, zu entschleunigen und den ganzen Kreativstress abzubauen. Natürlich wird auch das ein Erfolg. Konfetti und Champagner vs. Pillen und Seelenschmerz, es steht 1:0. „Autor“ Nagel, Muff Potter-Frontmann, liest aus „Wo die wilden Maden graben“ und erzählt darin vom Alltag einer Band auf Reisen. Nun ist der Herr Nagel eine ebenfalls sympathische Erscheinung, trägt das ganze authentisch vor und freut sich, als im Hintergrund der Lesung undefinierbares Geschrei zu hören ist, darüber, dass auch das Hochkultur-Literaturpublikum offenbar nicht ganz spackenfrei ist. Im Lesekanon der nächsten Generation landet „Wo die wilden Maden graben“ bestimmt nicht, für den Campingausflug an den See mit der Clique ist es aber gut geeignet. Dann landen auch wir im Publikum eines gefeierten Poetry Slammers, der heißt Bas Böttcher und liest aus „Neonomade“, spielt vieldeutig mit den Worten und erzählt in Loops, wird dafür ordentlich gefeiert, hinterlässt bei mir aber eher kalte Schauer auf dem Rücken, mir ist seine Stimme/Art nicht genehm. Ich kann damit genauso wenig anfangen, wie mit Lyrik, aber vor ein paar Jahren fand ich auch andere Musik gut, wer weiß, was sich in meinem Literaturverständnis noch so alles tut. Wo wir schon mal da waren, hörten wir auch noch Kerstin Köditz über den Umgang mit der NPD zu. Zumindest das Publikum war sich einig, dass Zivilcourage gegen rechts nötig ist, ob die aber auch alle wenigstens wählen waren, wage ich hiermit zu bezweifeln. Nach ein paar Stunden Buchmesse entdeckte ich auf dem Weg zur Toilette auch endlich den Bereich der Kunsthochschulen und ihre fabelhaften Ausstellungsstücke, leider war ich nicht mehr aufnahmefähig und gesellte mich stattdessen für 10 Minuten in die Reihe immer unruhiger werdender Damen.
Wir beschlossen den Rückzug anzutreten und unseren Sinnen für den Abend noch eine Erholungspause zu gönnen, dann sollte es nämlich ins Neue Rathaus gehen, wo traditionell die LitPop stattfindet. Das Neue Rathaus punktete mit schön ausgeleuchteter imposanter Erscheinung, verlor aber durch miese Akustik. Wir drängten uns an den eher lieblos gestalteten Bars und harrten der Dinge, die da kommen mögen. Tilman Rammstedt zum Beispiel, Autor des hochgelobten Buches „Der Kaiser von China“, der leider nur über mäßiges Talent für Lesungen verfügt. Er hetzte nuschelnd durch seinen Roman, auch wir eilten davon. Juleska Vonhagen referierte anschließend über Herzmist, über pubertären Liebeskummer von Frauen für Frauen also, brutal langweilig vorgetragen. Ich habe Bestsellerlisten und so manche Feierei von Autoren noch nie kapiert. Sarah Kuttner war auch da, redete über ihr Mängelexemplar und ich erkannte, dass dieser Titel im Rahmen einer Buchmesse nur als Ironie betrachtet werden kann. Leider verstand man sie und auch Stermann & Grissemann aufgrund der fürchterlichen Akustik in der Wandelhalle des Neuen Rathauses
Fazit: so eine Buchmesse ist furchtbar stressig, aber das Rahmenprogramm wirklich lohnenswert.
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