Freitag, 4. September 2009

Buchmesse - Teil 1

Wer (wie ich) von Buchläden schon latent überfordert ist, weil er nicht weiß, wo sich die besten Storys, die schönsten Sätze, die mitreißenden Erzählungen, die lustigsten Beschreibungen und spannendsten Abenteuer verstecken, tut sich keinen Gefallen, auf die Buchmesse zu fahren, um im schier endlosen Angebot endgültig den Überblick zu verlieren. Wir fuhren trotzdem hin, schließlich hofft man als Viel- & Schnellleser unbeirrbar auf verwertbare Hinweise im Belletristikbereich. Die Leipziger Buchmesse zeichnet sich zudem durch ein umfangreiches Rahmenprogramm („Leipzig liest“ und diverse Konzerte/Partys) aus, so dass bei eventueller Buchstaben-Übersättigung für Abwechslung gesorgt ist.

13.03.2009, Freitagabend in Leipzig: Bevor wir uns den Büchern widmen, gehen wir ums Eck ins Werk II, um Juli Zeh und Slut bei einer Art Live-Hörspiel zuzuhören. Juli Zeh liest aus ihrem neuen Roman „Corpus Delicti“, Slut übernimmt kongenial einige Parts der Erzählung und unterlegt das ganze mit (un)bekannten Liedern. Dass bei Slut Literatur und Musik zusammen kommen, ist nicht neu, sie haben schon die Dreigroschenoper vom Brecht neu vertont. „Corpus Delicti“ reiht sich in die Kategorie „Science-Fiction-Krimi-mit-politischem-Fingerzeig“ und bringt Frau Zeh den (streitbaren) Vergleich mit George Orwell ein. Die Aufführung beginnt mit einer Airport-Ansage, die für Paranoide und Verschwörungstheoretiker schwer erträglich sein muss, denn plötzlich wird auch bei Kulturveranstaltungen gebeten, auf sperriges/unbewachtes Gepäck, suspekte Personen und auffälliges Verhalten zu achten - bei Künstlern nicht ganz ungewöhnlich ;-).

In Zehs Geschichte ist Gesundheit höchstes Gut und Bürgerpflicht und wird vom obersten System (der Methode) durch Schlaf- und Ernährungsberichte kontrolliert, während eine zentrale Partnervermittlung für den optimalen DNA-Partner sorgt, denn nur vollkommene Körper garantieren eine vollkommene Gesellschaft. Dass gesunde Körper nicht zwangsläufig auch einen gesunden Geist mit sich bringen, hat allerdings auch schon der Urheber dieses vielbemühten Satzes gewusst.

Hauptfigur Mia Holl widersetzt sich diesem Wahnsinn, kämpft um geistige Unabhängigkeit und muss sich vor einem Gericht für ihr Verhalten verantworten. Ihr Bruder wird aufgrund von DNA-Spuren der Vergewaltigung bezichtigt, Mia zweifelt an seiner Schuld, die Hexenjagd beginnt.

Leseprobe aus "Corpus Delicti"

“Ich entziehe einer Gesellschaft das Vertrauen, die aus Menschen besteht und trotzdem auf der Angst vor dem Menschlichen gründet. Ich entziehe einer Zivilisation das Vertrauen, die den Geist an den Körper verraten hat. … Ich entziehe einer Sicherheit das Vertrauen, die eine letztmögliche Antwort sein will, ohne zu verraten, wie die Frage lautet. … Ich entziehe einer Moral das Vertrauen, die zu faul ist, sich dem Paradoxon von Gut und Böse zu stellen und sich lieber an »funktioniert« oder »funktioniert nicht« hält. Ich entziehe einem Recht das Vertrauen, das seine Erfolge einer vollständigen Kontrolle des Bürgers verdankt. Ich entziehe einem Volk das Vertrauen, das glaubt, totale Durchleuchtung schade nur dem, der etwas zu verbergen hat. … Ich entziehe einer Politik das Vertrauen, die ihre Popularität allein auf das Versprechen eines risikofreien Lebens stützt. … Ich entziehe Eltern das Vertrauen, die ein Baumhaus »Verletzungsgefahr« und ein Haustier »Ansteckungsrisiko« nennen. Ich entziehe einem Staat das Vertrauen, der besser weiß, was gut für mich ist, als ich selbst. Ich entziehe jenem Idioten das Vertrauen, der das Schild am Eingang unserer Welt abmontiert hat, auf dem stand: »Vorsicht! Leben kann zum Tode führen.«

Dass Juli Zeh gegen die Beschneidung von Bürgerrechten ankämpft, ist nichts Neues, schon 2008 hat sie Verfassungsbeschwerde gegen den biometrischen Reisepass eingereicht; 2009 kam neben „Corpus Delicti“ auch ein Gemeinschaftswerk mit Ilija Trojanow auf den Markt, das im Untertitel klar macht, worum es geht: „Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau bürgerlicher Rechte“. Die Themen in Zehs Werken sind fast immer politisch und moralisch hinterfragend und somit nicht gerade Strandlektüre. Natürlich ist das Aufdecken von Zusammenhängen und das Benennen unsinniger Vorhaben wichtig, ob aber Juli Zeh allumfassend und korrekt darüber berichten kann, weiß ich nicht. Angesichts der Themenbrisanz ist grundsätzlich jeder eigenverantwortlich, ob er sich als transparenter gläserner Bürger darstellt oder doch wenigstens mattierte Glasscherben verwendet. Wer mit Kundenkarten seine Konsumpräferenzen preisgibt, wer exhibitionistisch innerhalb von Social Networks der halben Welt Einblicke in seine Privatsphäre gestattet und sich dann ungerechtfertigt beobachtet fühlt, für den habe ich weder Verständnis noch Mitleid. Gesunder Menschenverstand scheint mir viel mehr von Nöten zu sein, als den nächsten Kontakt bei StudiVZ "anzugruscheln" oder zehn Bonuspunkte an der nächsten Tankstelle (videoüberwacht) gegen einen Schlüsselanhänger (mit GPS-Chip) einzutauschen.



Zurück zur Aufführung:
Slut lockerten die Stimmung etwas mit ihren „Hits“ If I Had a Heart und Global Cut, Vergleiche mit Polarkreis 18 und Radiohead schwirrten durch den Raum und die Wodka-Lemon sah im Neonlicht der Bar plötzlich seltsam chemisch aus. Etwas erschlagen von Sätzen und Thematik gingen wir anschließend ins UT Connewitz, wo Robert & The Roboters und die Lesung von „Nicht der Süden“ leichter verdauliche Kost boten.

Volker Strübing und Kirsten Fuchs rezitierten anschaulich und gut gelaunt aus ihrem Reisebericht, untermalten ihre Ausführungen über Eisbären und hohen Seegang durch Videoeinspieler und sorgten mit diesem Konzept für gute Laune. Und da wir thematisch schon auf den Meeren dieser Welt unterwegs waren, wurde abschließend mittels Surfmusik von den Robotern der Abend eine runde Sache.

- Juli Zeh und Slut am 04.10.2009 im Beatpol. Hingehen! Und hier kann man schon mal lunschen.
- Robert & The Roboters haben sich zwischenzeitlich aufgelöst, gesammelte Werke sind aber noch käuflich zu erwerben.
- Das UT Connewitz, eine wunderbare Lokation, bittet zur Zeit um Spenden, um eine Schließung abzuwenden.

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