Am 23.3.2009 stolperten wir nach dem Kino noch auf ein Bier in den Ostpol und damit mehr oder weniger unvorbereitet in ein Konzert von Diego, die ich dank vollgestopftem Club zwar nicht sehen, aber sehr gut hören konnte. Und so gab es schon bei den ersten Tönen die Assoziation zu Joy Division und den Editors (am 22.11.2009 in DD), vor allem die stimmliche Nähe war unmöglich von der Hand zu weisen. Musikalisch auf die Britischen Inseln versetzt, erwarte ich beinahe ein „last orders, please“ und wippte zu melancholisch anmutenden, düsteren, aber hymnischen Melodiegebilden aus der Ecke New Wave, Post Punk, Indiepop oder wie auch immer man das nun eigentlich bezeichnet. Blöd war eigentlich nur, dass ich die ganze Zeit an das Melt-Konzert der Editors und den Film „Control“ über Joy Division dachte und Diego so zur spitzenmäßigen Coverband degradierte, die gar keine Cover spielt.
Donnerstag, 8. Oktober 2009
5 aus 330 000
Schon wieder Isländer. Die haben in diesem Land nicht nur jede Menge Bands, die touren auch noch ständig. Im Societaetstheater also stellen sich am 17.03.2009 fünf sehr junge Menschen auf die Bühne, bewaffnet mit Cello (Drama!), Gitarre, Gitarre, Bass, Akkordeon, Melodica, Schlagzeug und Stimme, nennen sich Rökkurro und gurren den Namen genau so, wie man es von Isländern erwartet.
Die Musik passt exakt in die Label „entrückt, bezaubernd, herzerwärmend“, erfüllt traditionell sämtliche Islandklischees, als Vermarktungsstrategie längst instrumentalisiert und allmählich schleicht sich die Frage in meinen Kopf, ob es eine weitere Band dieses Kalibers braucht. Das ist schon wieder in der Heimatsprache vorgetragener, folkinspirierter Indie-Pop mit unkonventionellen Klassikelementen und überraschenden Noiseeinschüben, im Societaetstheater ganz unspektakulär inszeniert mit einer Lichterkette am Bühnenrand, zur Lightshow drapiert. Auf dem Schlagzeug prangt ein „gate to hell“-Aufkleber, um den Hals der Cellistin windet sich eine Kette mit Jägermeistermotiv, in den Gesichtern liest man zwischen aufmüpfig unschuldig und gelangweilt emotionslos so ziemlich jede mögliche Regung. Die Sängerin erklärt, dass jetzt ein trauriges Lied folgen wird, wir ja aber sowieso nichts verstehen, also sei es auch nicht ganz so traurig, dabei leisten glasklare Stimme und klagendes Cello als Übersetzungshilfe einen hervorragenden Job. Und so spielt auch diese isländische Band behutsam dynamisch, so seltsam das jetzt auch wieder klingen mag, das ist schön anzuhören und sympathisch zu betrachten und beantwortet meine Frage, bevor ich sie laut gestellt habe: wenn Island weiter solch professionelle Musiker hervorbringt, wandelt sich das langsam abgenutzte Klischee von ganz allein zum Gütesiegel.
Rökkurro mit einem Skinny Love Cover des nicht minder großartigen Bon Iver:
und das ebenfalls großartige Daniel von Bat For Lashes im Cover:
Die Musik passt exakt in die Label „entrückt, bezaubernd, herzerwärmend“, erfüllt traditionell sämtliche Islandklischees, als Vermarktungsstrategie längst instrumentalisiert und allmählich schleicht sich die Frage in meinen Kopf, ob es eine weitere Band dieses Kalibers braucht. Das ist schon wieder in der Heimatsprache vorgetragener, folkinspirierter Indie-Pop mit unkonventionellen Klassikelementen und überraschenden Noiseeinschüben, im Societaetstheater ganz unspektakulär inszeniert mit einer Lichterkette am Bühnenrand, zur Lightshow drapiert. Auf dem Schlagzeug prangt ein „gate to hell“-Aufkleber, um den Hals der Cellistin windet sich eine Kette mit Jägermeistermotiv, in den Gesichtern liest man zwischen aufmüpfig unschuldig und gelangweilt emotionslos so ziemlich jede mögliche Regung. Die Sängerin erklärt, dass jetzt ein trauriges Lied folgen wird, wir ja aber sowieso nichts verstehen, also sei es auch nicht ganz so traurig, dabei leisten glasklare Stimme und klagendes Cello als Übersetzungshilfe einen hervorragenden Job. Und so spielt auch diese isländische Band behutsam dynamisch, so seltsam das jetzt auch wieder klingen mag, das ist schön anzuhören und sympathisch zu betrachten und beantwortet meine Frage, bevor ich sie laut gestellt habe: wenn Island weiter solch professionelle Musiker hervorbringt, wandelt sich das langsam abgenutzte Klischee von ganz allein zum Gütesiegel.
Rökkurro mit einem Skinny Love Cover des nicht minder großartigen Bon Iver:
und das ebenfalls großartige Daniel von Bat For Lashes im Cover:
Sonntag, 13. September 2009
Buchmesse - Teil 2
Tag 2 in Leipzig bedeutete dann tatsächlich Buchmesse – ein kostenloser Parkplatz in fußläufiger Entfernung war schnell gefunden und so hieß es, sich in den Besucheransturm einzureihen, ein Gruppenticket zu ordern und dafür vor Ort Mitstreiter zu akkreditieren.. das klappte tadellos und schon standen wir inmitten von Broschüren, Leseexemplaren, Interviewrunden und wenig einladenden Imbissbuden. Das Publikum war bunt durchmischt, alle Altersklassen drängten durch die Reihen, besonders auffällig die Unmengen Cosplayer in selbstgebastelten Manga Anime Kostümen. Wenn man auf diese Weise die Jugend dazu bekommt, mal wieder zwischen zwei Buchdeckel zu schauen, soll es mir recht sein, auch wenn sie sich mit äußerst seltsamen Figuren identifizieren.
Die Hallenaufteilung war unübersichtlich und unlogisch, die Geräuschkulisse enorm, der Sauerstoffgehalt der Luft grenzwertig niedrig und trotz der Unmengen von Buchstaben in Druckerzeugnissen, fehlte eine konsequente Ausschilderung bzw Ankündigung, welcher Autor zu welcher Uhrzeit an den Ständen zugegen sein wird. Die Suche nach dem Programm gestaltete sich etwas schwierig und wurde alsbald aufgegeben, so dass ich eigentlich nur mitbekam, was zufällig in Auge und Ohr kroch.
Auf den ersten Blick waren die Poetry Slammer der ganz große Hype. Veranstaltungen dieser Art dürften in jeder größeren Gemeinde mittlerweile zum Standardprogramm gehören, in Dresden jedenfalls kann man wöchentlich zwischen drei (gefühlten zehn) Vorstellungen wählen. Die gefürchtete Überpräsenz von E-Book-Präsentationen versteckte sich vor meiner Wahrnehmung, so dass ich zufrieden feststelle, dass die Haptik des Lesens andauern wird, das Blättern in Büchern mittelfristig wohl kein aussterbendes Kulturgut ist. Das nächste große Thema war, ich kann ein Gähnen kaum unterdrücken, die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit. Im Jahr 20 nach der Wende haben 15 Millionen potentielle Autoren noch längst nicht alles gesagt. Dass die Kinderbücher heutzutage wieder aufgelegt werden und das sogar richtig erfolgreich, freut mich, weil ich so im Buchladen jedes Mal kleine Zeitreisen mit dem Wolkenschaf, Alfons Zitterbacke und dem frechen Schüler Ottokar unternehme. Zu einem formidablen Menschenauflauf kam es am Stand der ZEIT, wo T.C. Boyle die Frauen erklärte und das an einem Ort versuchte, der ungeeigneter kaum sein kann, direkt vor einer Information und im engen Kreuzungsbereich des Ausstellergeflechts. Ein paar Minuten ging nichts vor und nichts zurück, das kann schon mal die Laune versauen, wenn man ohnehin ziellos umherirrt und nur noch seine Ruhe will. Aber wir waren schließlich nicht zum gemütlichen Schmökern hier und bemerkten erstaunt, dass streng aussehende Damen vor einem sich eifrig Notizen machenden Publikum über Kindererziehung referierten. Ratgeberbücher waren augenscheinlich DER Hit der Messe – wie man glücklich, sportlich, flexibel, ausgeglichen, reich, gesund, kreativ, klug, schön oder autoritär wird – irgendjemand schickt sich garantiert an, Dir den ultimativen Leitfaden an die Hand zu geben. Wenn ein Richard David Precht erkennt „Es gibt kein Gesetz für die Liebe“, landet er damit jedenfalls einen Bestseller und ich überlege, meine Kneipengespräch-Gedächtnisprotokolle zu verbalisieren. Auch spirituelle und religiöse Buchstabensammlungen gab es im unüberschaubaren Ausmaß, politische Bildung sowieso.. ich bleibe trotzig Belletristikfan und verweigere mich dem Sachbuch. Eine Mischung aus beidem versuchen die jungen Wilden, die eher zufälligen Autoren, die eigentlich was ganz anderes machen, meist irgendwas mit Medien und eigentlich gar kein Buch schreiben wollten. Sarah Kuttner zum Beispiel, Kodderschnauze aus dem Musikfernsehen und von mir als durchaus sympathisch eingestuft, schreibt ein Buch über Panikattacken und Depressionen in gerade mal zwei Monaten vom ersten flüchtigen Gedanken zum ersten Rezensionsexemplar. Das ist beachtlich, aber fragwürdig, wenn man bedenkt, dass so eine Depression gar nicht spaßig ist und gern mal etwas länger dauert. Aber das ist vermutlich gar nicht der Anspruch von S. Kuttner, die wollte nur mal darüber schreiben, wie es so ist, zu entschleunigen und den ganzen Kreativstress abzubauen. Natürlich wird auch das ein Erfolg. Konfetti und Champagner vs. Pillen und Seelenschmerz, es steht 1:0. „Autor“ Nagel, Muff Potter-Frontmann, liest aus „Wo die wilden Maden graben“ und erzählt darin vom Alltag einer Band auf Reisen. Nun ist der Herr Nagel eine ebenfalls sympathische Erscheinung, trägt das ganze authentisch vor und freut sich, als im Hintergrund der Lesung undefinierbares Geschrei zu hören ist, darüber, dass auch das Hochkultur-Literaturpublikum offenbar nicht ganz spackenfrei ist. Im Lesekanon der nächsten Generation landet „Wo die wilden Maden graben“ bestimmt nicht, für den Campingausflug an den See mit der Clique ist es aber gut geeignet. Dann landen auch wir im Publikum eines gefeierten Poetry Slammers, der heißt Bas Böttcher und liest aus „Neonomade“, spielt vieldeutig mit den Worten und erzählt in Loops, wird dafür ordentlich gefeiert, hinterlässt bei mir aber eher kalte Schauer auf dem Rücken, mir ist seine Stimme/Art nicht genehm. Ich kann damit genauso wenig anfangen, wie mit Lyrik, aber vor ein paar Jahren fand ich auch andere Musik gut, wer weiß, was sich in meinem Literaturverständnis noch so alles tut. Wo wir schon mal da waren, hörten wir auch noch Kerstin Köditz über den Umgang mit der NPD zu. Zumindest das Publikum war sich einig, dass Zivilcourage gegen rechts nötig ist, ob die aber auch alle wenigstens wählen waren, wage ich hiermit zu bezweifeln. Nach ein paar Stunden Buchmesse entdeckte ich auf dem Weg zur Toilette auch endlich den Bereich der Kunsthochschulen und ihre fabelhaften Ausstellungsstücke, leider war ich nicht mehr aufnahmefähig und gesellte mich stattdessen für 10 Minuten in die Reihe immer unruhiger werdender Damen.
Wir beschlossen den Rückzug anzutreten und unseren Sinnen für den Abend noch eine Erholungspause zu gönnen, dann sollte es nämlich ins Neue Rathaus gehen, wo traditionell die LitPop stattfindet. Das Neue Rathaus punktete mit schön ausgeleuchteter imposanter Erscheinung, verlor aber durch miese Akustik. Wir drängten uns an den eher lieblos gestalteten Bars und harrten der Dinge, die da kommen mögen. Tilman Rammstedt zum Beispiel, Autor des hochgelobten Buches „Der Kaiser von China“, der leider nur über mäßiges Talent für Lesungen verfügt. Er hetzte nuschelnd durch seinen Roman, auch wir eilten davon. Juleska Vonhagen referierte anschließend über Herzmist, über pubertären Liebeskummer von Frauen für Frauen also, brutal langweilig vorgetragen. Ich habe Bestsellerlisten und so manche Feierei von Autoren noch nie kapiert. Sarah Kuttner war auch da, redete über ihr Mängelexemplar und ich erkannte, dass dieser Titel im Rahmen einer Buchmesse nur als Ironie betrachtet werden kann. Leider verstand man sie und auch Stermann & Grissemann aufgrund der fürchterlichen Akustik in der Wandelhalle des Neuen Rathauseskaum nicht, das Gute aber: wir hörten dadurch auch den Moderator kaum, der betont lustig und anbiedernd versuchte, das Publikum zu animieren. Die Getränke zeigten langsam Wirkung, so recht kann ich mich nicht mehr an den Rest des Abends erinnern, ich weiß noch, dass ich viele immens wichtige Leute bei mindestens genauso wichtigen Gesprächen hinsichtlich ihrer Körpersprache und verbissenen Mienen beobachtet habe und heimlich Wetten abschloss, wer wem zuerst aus Versehen das Rotweinglas über die polierten Schuhe kippt. Musik gab’s auch, zum Beispiel von Olli Schulz, der gewohnt knuffig ironisch die kleinen Momente im Leben besang. Abschließend durfte getanzt werden, wir aber beendeten den Abend.
Fazit: so eine Buchmesse ist furchtbar stressig, aber das Rahmenprogramm wirklich lohnenswert.
Die Hallenaufteilung war unübersichtlich und unlogisch, die Geräuschkulisse enorm, der Sauerstoffgehalt der Luft grenzwertig niedrig und trotz der Unmengen von Buchstaben in Druckerzeugnissen, fehlte eine konsequente Ausschilderung bzw Ankündigung, welcher Autor zu welcher Uhrzeit an den Ständen zugegen sein wird. Die Suche nach dem Programm gestaltete sich etwas schwierig und wurde alsbald aufgegeben, so dass ich eigentlich nur mitbekam, was zufällig in Auge und Ohr kroch.
Auf den ersten Blick waren die Poetry Slammer der ganz große Hype. Veranstaltungen dieser Art dürften in jeder größeren Gemeinde mittlerweile zum Standardprogramm gehören, in Dresden jedenfalls kann man wöchentlich zwischen drei (gefühlten zehn) Vorstellungen wählen. Die gefürchtete Überpräsenz von E-Book-Präsentationen versteckte sich vor meiner Wahrnehmung, so dass ich zufrieden feststelle, dass die Haptik des Lesens andauern wird, das Blättern in Büchern mittelfristig wohl kein aussterbendes Kulturgut ist. Das nächste große Thema war, ich kann ein Gähnen kaum unterdrücken, die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit. Im Jahr 20 nach der Wende haben 15 Millionen potentielle Autoren noch längst nicht alles gesagt. Dass die Kinderbücher heutzutage wieder aufgelegt werden und das sogar richtig erfolgreich, freut mich, weil ich so im Buchladen jedes Mal kleine Zeitreisen mit dem Wolkenschaf, Alfons Zitterbacke und dem frechen Schüler Ottokar unternehme. Zu einem formidablen Menschenauflauf kam es am Stand der ZEIT, wo T.C. Boyle die Frauen erklärte und das an einem Ort versuchte, der ungeeigneter kaum sein kann, direkt vor einer Information und im engen Kreuzungsbereich des Ausstellergeflechts. Ein paar Minuten ging nichts vor und nichts zurück, das kann schon mal die Laune versauen, wenn man ohnehin ziellos umherirrt und nur noch seine Ruhe will. Aber wir waren schließlich nicht zum gemütlichen Schmökern hier und bemerkten erstaunt, dass streng aussehende Damen vor einem sich eifrig Notizen machenden Publikum über Kindererziehung referierten. Ratgeberbücher waren augenscheinlich DER Hit der Messe – wie man glücklich, sportlich, flexibel, ausgeglichen, reich, gesund, kreativ, klug, schön oder autoritär wird – irgendjemand schickt sich garantiert an, Dir den ultimativen Leitfaden an die Hand zu geben. Wenn ein Richard David Precht erkennt „Es gibt kein Gesetz für die Liebe“, landet er damit jedenfalls einen Bestseller und ich überlege, meine Kneipengespräch-Gedächtnisprotokolle zu verbalisieren. Auch spirituelle und religiöse Buchstabensammlungen gab es im unüberschaubaren Ausmaß, politische Bildung sowieso.. ich bleibe trotzig Belletristikfan und verweigere mich dem Sachbuch. Eine Mischung aus beidem versuchen die jungen Wilden, die eher zufälligen Autoren, die eigentlich was ganz anderes machen, meist irgendwas mit Medien und eigentlich gar kein Buch schreiben wollten. Sarah Kuttner zum Beispiel, Kodderschnauze aus dem Musikfernsehen und von mir als durchaus sympathisch eingestuft, schreibt ein Buch über Panikattacken und Depressionen in gerade mal zwei Monaten vom ersten flüchtigen Gedanken zum ersten Rezensionsexemplar. Das ist beachtlich, aber fragwürdig, wenn man bedenkt, dass so eine Depression gar nicht spaßig ist und gern mal etwas länger dauert. Aber das ist vermutlich gar nicht der Anspruch von S. Kuttner, die wollte nur mal darüber schreiben, wie es so ist, zu entschleunigen und den ganzen Kreativstress abzubauen. Natürlich wird auch das ein Erfolg. Konfetti und Champagner vs. Pillen und Seelenschmerz, es steht 1:0. „Autor“ Nagel, Muff Potter-Frontmann, liest aus „Wo die wilden Maden graben“ und erzählt darin vom Alltag einer Band auf Reisen. Nun ist der Herr Nagel eine ebenfalls sympathische Erscheinung, trägt das ganze authentisch vor und freut sich, als im Hintergrund der Lesung undefinierbares Geschrei zu hören ist, darüber, dass auch das Hochkultur-Literaturpublikum offenbar nicht ganz spackenfrei ist. Im Lesekanon der nächsten Generation landet „Wo die wilden Maden graben“ bestimmt nicht, für den Campingausflug an den See mit der Clique ist es aber gut geeignet. Dann landen auch wir im Publikum eines gefeierten Poetry Slammers, der heißt Bas Böttcher und liest aus „Neonomade“, spielt vieldeutig mit den Worten und erzählt in Loops, wird dafür ordentlich gefeiert, hinterlässt bei mir aber eher kalte Schauer auf dem Rücken, mir ist seine Stimme/Art nicht genehm. Ich kann damit genauso wenig anfangen, wie mit Lyrik, aber vor ein paar Jahren fand ich auch andere Musik gut, wer weiß, was sich in meinem Literaturverständnis noch so alles tut. Wo wir schon mal da waren, hörten wir auch noch Kerstin Köditz über den Umgang mit der NPD zu. Zumindest das Publikum war sich einig, dass Zivilcourage gegen rechts nötig ist, ob die aber auch alle wenigstens wählen waren, wage ich hiermit zu bezweifeln. Nach ein paar Stunden Buchmesse entdeckte ich auf dem Weg zur Toilette auch endlich den Bereich der Kunsthochschulen und ihre fabelhaften Ausstellungsstücke, leider war ich nicht mehr aufnahmefähig und gesellte mich stattdessen für 10 Minuten in die Reihe immer unruhiger werdender Damen.
Wir beschlossen den Rückzug anzutreten und unseren Sinnen für den Abend noch eine Erholungspause zu gönnen, dann sollte es nämlich ins Neue Rathaus gehen, wo traditionell die LitPop stattfindet. Das Neue Rathaus punktete mit schön ausgeleuchteter imposanter Erscheinung, verlor aber durch miese Akustik. Wir drängten uns an den eher lieblos gestalteten Bars und harrten der Dinge, die da kommen mögen. Tilman Rammstedt zum Beispiel, Autor des hochgelobten Buches „Der Kaiser von China“, der leider nur über mäßiges Talent für Lesungen verfügt. Er hetzte nuschelnd durch seinen Roman, auch wir eilten davon. Juleska Vonhagen referierte anschließend über Herzmist, über pubertären Liebeskummer von Frauen für Frauen also, brutal langweilig vorgetragen. Ich habe Bestsellerlisten und so manche Feierei von Autoren noch nie kapiert. Sarah Kuttner war auch da, redete über ihr Mängelexemplar und ich erkannte, dass dieser Titel im Rahmen einer Buchmesse nur als Ironie betrachtet werden kann. Leider verstand man sie und auch Stermann & Grissemann aufgrund der fürchterlichen Akustik in der Wandelhalle des Neuen Rathauses
Fazit: so eine Buchmesse ist furchtbar stressig, aber das Rahmenprogramm wirklich lohnenswert.
Freitag, 4. September 2009
Buchmesse - Teil 1
Wer (wie ich) von Buchläden schon latent überfordert ist, weil er nicht weiß, wo sich die besten Storys, die schönsten Sätze, die mitreißenden Erzählungen, die lustigsten Beschreibungen und spannendsten Abenteuer verstecken, tut sich keinen Gefallen, auf die Buchmesse zu fahren, um im schier endlosen Angebot endgültig den Überblick zu verlieren. Wir fuhren trotzdem hin, schließlich hofft man als Viel- & Schnellleser unbeirrbar auf verwertbare Hinweise im Belletristikbereich. Die Leipziger Buchmesse zeichnet sich zudem durch ein umfangreiches Rahmenprogramm („Leipzig liest“ und diverse Konzerte/Partys) aus, so dass bei eventueller Buchstaben-Übersättigung für Abwechslung gesorgt ist.
13.03.2009, Freitagabend in Leipzig: Bevor wir uns den Büchern widmen, gehen wir ums Eck ins Werk II, um Juli Zeh und Slut bei einer Art Live-Hörspiel zuzuhören. Juli Zeh liest aus ihrem neuen Roman „Corpus Delicti“, Slut übernimmt kongenial einige Parts der Erzählung und unterlegt das ganze mit (un)bekannten Liedern. Dass bei Slut Literatur und Musik zusammen kommen, ist nicht neu, sie haben schon die Dreigroschenoper vom Brecht neu vertont. „Corpus Delicti“ reiht sich in die Kategorie „Science-Fiction-Krimi-mit-politischem-Fingerzeig“ und bringt Frau Zeh den (streitbaren) Vergleich mit George Orwell ein. Die Aufführung beginnt mit einer Airport-Ansage, die für Paranoide und Verschwörungstheoretiker schwer erträglich sein muss, denn plötzlich wird auch bei Kulturveranstaltungen gebeten, auf sperriges/unbewachtes Gepäck, suspekte Personen und auffälliges Verhalten zu achten - bei Künstlern nicht ganz ungewöhnlich ;-).
In Zehs Geschichte ist Gesundheit höchstes Gut und Bürgerpflicht und wird vom obersten System (der Methode) durch Schlaf- und Ernährungsberichte kontrolliert, während eine zentrale Partnervermittlung für den optimalen DNA-Partner sorgt, denn nur vollkommene Körper garantieren eine vollkommene Gesellschaft. Dass gesunde Körper nicht zwangsläufig auch einen gesunden Geist mit sich bringen, hat allerdings auch schon der Urheber dieses vielbemühten Satzes gewusst.
Hauptfigur Mia Holl widersetzt sich diesem Wahnsinn, kämpft um geistige Unabhängigkeit und muss sich vor einem Gericht für ihr Verhalten verantworten. Ihr Bruder wird aufgrund von DNA-Spuren der Vergewaltigung bezichtigt, Mia zweifelt an seiner Schuld, die Hexenjagd beginnt.
Leseprobe aus "Corpus Delicti"
Dass Juli Zeh gegen die Beschneidung von Bürgerrechten ankämpft, ist nichts Neues, schon 2008 hat sie Verfassungsbeschwerde gegen den biometrischen Reisepass eingereicht; 2009 kam neben „Corpus Delicti“ auch ein Gemeinschaftswerk mit Ilija Trojanow auf den Markt, das im Untertitel klar macht, worum es geht: „Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau bürgerlicher Rechte“. Die Themen in Zehs Werken sind fast immer politisch und moralisch hinterfragend und somit nicht gerade Strandlektüre. Natürlich ist das Aufdecken von Zusammenhängen und das Benennen unsinniger Vorhaben wichtig, ob aber Juli Zeh allumfassend und korrekt darüber berichten kann, weiß ich nicht. Angesichts der Themenbrisanz ist grundsätzlich jeder eigenverantwortlich, ob er sich als transparenter gläserner Bürger darstellt oder doch wenigstens mattierte Glasscherben verwendet. Wer mit Kundenkarten seine Konsumpräferenzen preisgibt, wer exhibitionistisch innerhalb von Social Networks der halben Welt Einblicke in seine Privatsphäre gestattet und sich dann ungerechtfertigt beobachtet fühlt, für den habe ich weder Verständnis noch Mitleid. Gesunder Menschenverstand scheint mir viel mehr von Nöten zu sein, als den nächsten Kontakt bei StudiVZ "anzugruscheln" oder zehn Bonuspunkte an der nächsten Tankstelle (videoüberwacht) gegen einen Schlüsselanhänger (mit GPS-Chip) einzutauschen.
Zurück zur Aufführung:
Slut lockerten die Stimmung etwas mit ihren „Hits“ If I Had a Heart und Global Cut, Vergleiche mit Polarkreis 18 und Radiohead schwirrten durch den Raum und die Wodka-Lemon sah im Neonlicht der Bar plötzlich seltsam chemisch aus. Etwas erschlagen von Sätzen und Thematik gingen wir anschließend ins UT Connewitz, wo Robert & The Roboters und die Lesung von „Nicht der Süden“ leichter verdauliche Kost boten.
Volker Strübing und Kirsten Fuchs rezitierten anschaulich und gut gelaunt aus ihrem Reisebericht, untermalten ihre Ausführungen über Eisbären und hohen Seegang durch Videoeinspieler und sorgten mit diesem Konzept für gute Laune. Und da wir thematisch schon auf den Meeren dieser Welt unterwegs waren, wurde abschließend mittels Surfmusik von den Robotern der Abend eine runde Sache.
- Juli Zeh und Slut am 04.10.2009 im Beatpol. Hingehen! Und hier kann man schon mal lunschen.
- Robert & The Roboters haben sich zwischenzeitlich aufgelöst, gesammelte Werke sind aber noch käuflich zu erwerben.
- Das UT Connewitz, eine wunderbare Lokation, bittet zur Zeit um Spenden, um eine Schließung abzuwenden.
13.03.2009, Freitagabend in Leipzig: Bevor wir uns den Büchern widmen, gehen wir ums Eck ins Werk II, um Juli Zeh und Slut bei einer Art Live-Hörspiel zuzuhören. Juli Zeh liest aus ihrem neuen Roman „Corpus Delicti“, Slut übernimmt kongenial einige Parts der Erzählung und unterlegt das ganze mit (un)bekannten Liedern. Dass bei Slut Literatur und Musik zusammen kommen, ist nicht neu, sie haben schon die Dreigroschenoper vom Brecht neu vertont. „Corpus Delicti“ reiht sich in die Kategorie „Science-Fiction-Krimi-mit-politischem-Fingerzeig“ und bringt Frau Zeh den (streitbaren) Vergleich mit George Orwell ein. Die Aufführung beginnt mit einer Airport-Ansage, die für Paranoide und Verschwörungstheoretiker schwer erträglich sein muss, denn plötzlich wird auch bei Kulturveranstaltungen gebeten, auf sperriges/unbewachtes Gepäck, suspekte Personen und auffälliges Verhalten zu achten - bei Künstlern nicht ganz ungewöhnlich ;-).
In Zehs Geschichte ist Gesundheit höchstes Gut und Bürgerpflicht und wird vom obersten System (der Methode) durch Schlaf- und Ernährungsberichte kontrolliert, während eine zentrale Partnervermittlung für den optimalen DNA-Partner sorgt, denn nur vollkommene Körper garantieren eine vollkommene Gesellschaft. Dass gesunde Körper nicht zwangsläufig auch einen gesunden Geist mit sich bringen, hat allerdings auch schon der Urheber dieses vielbemühten Satzes gewusst.
Hauptfigur Mia Holl widersetzt sich diesem Wahnsinn, kämpft um geistige Unabhängigkeit und muss sich vor einem Gericht für ihr Verhalten verantworten. Ihr Bruder wird aufgrund von DNA-Spuren der Vergewaltigung bezichtigt, Mia zweifelt an seiner Schuld, die Hexenjagd beginnt.
Leseprobe aus "Corpus Delicti"
“Ich entziehe einer Gesellschaft das Vertrauen, die aus Menschen besteht und trotzdem auf der Angst vor dem Menschlichen gründet. Ich entziehe einer Zivilisation das Vertrauen, die den Geist an den Körper verraten hat. … Ich entziehe einer Sicherheit das Vertrauen, die eine letztmögliche Antwort sein will, ohne zu verraten, wie die Frage lautet. … Ich entziehe einer Moral das Vertrauen, die zu faul ist, sich dem Paradoxon von Gut und Böse zu stellen und sich lieber an »funktioniert« oder »funktioniert nicht« hält. Ich entziehe einem Recht das Vertrauen, das seine Erfolge einer vollständigen Kontrolle des Bürgers verdankt. Ich entziehe einem Volk das Vertrauen, das glaubt, totale Durchleuchtung schade nur dem, der etwas zu verbergen hat. … Ich entziehe einer Politik das Vertrauen, die ihre Popularität allein auf das Versprechen eines risikofreien Lebens stützt. … Ich entziehe Eltern das Vertrauen, die ein Baumhaus »Verletzungsgefahr« und ein Haustier »Ansteckungsrisiko« nennen. Ich entziehe einem Staat das Vertrauen, der besser weiß, was gut für mich ist, als ich selbst. Ich entziehe jenem Idioten das Vertrauen, der das Schild am Eingang unserer Welt abmontiert hat, auf dem stand: »Vorsicht! Leben kann zum Tode führen.«
Dass Juli Zeh gegen die Beschneidung von Bürgerrechten ankämpft, ist nichts Neues, schon 2008 hat sie Verfassungsbeschwerde gegen den biometrischen Reisepass eingereicht; 2009 kam neben „Corpus Delicti“ auch ein Gemeinschaftswerk mit Ilija Trojanow auf den Markt, das im Untertitel klar macht, worum es geht: „Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau bürgerlicher Rechte“. Die Themen in Zehs Werken sind fast immer politisch und moralisch hinterfragend und somit nicht gerade Strandlektüre. Natürlich ist das Aufdecken von Zusammenhängen und das Benennen unsinniger Vorhaben wichtig, ob aber Juli Zeh allumfassend und korrekt darüber berichten kann, weiß ich nicht. Angesichts der Themenbrisanz ist grundsätzlich jeder eigenverantwortlich, ob er sich als transparenter gläserner Bürger darstellt oder doch wenigstens mattierte Glasscherben verwendet. Wer mit Kundenkarten seine Konsumpräferenzen preisgibt, wer exhibitionistisch innerhalb von Social Networks der halben Welt Einblicke in seine Privatsphäre gestattet und sich dann ungerechtfertigt beobachtet fühlt, für den habe ich weder Verständnis noch Mitleid. Gesunder Menschenverstand scheint mir viel mehr von Nöten zu sein, als den nächsten Kontakt bei StudiVZ "anzugruscheln" oder zehn Bonuspunkte an der nächsten Tankstelle (videoüberwacht) gegen einen Schlüsselanhänger (mit GPS-Chip) einzutauschen.
Zurück zur Aufführung:
Slut lockerten die Stimmung etwas mit ihren „Hits“ If I Had a Heart und Global Cut, Vergleiche mit Polarkreis 18 und Radiohead schwirrten durch den Raum und die Wodka-Lemon sah im Neonlicht der Bar plötzlich seltsam chemisch aus. Etwas erschlagen von Sätzen und Thematik gingen wir anschließend ins UT Connewitz, wo Robert & The Roboters und die Lesung von „Nicht der Süden“ leichter verdauliche Kost boten.
Volker Strübing und Kirsten Fuchs rezitierten anschaulich und gut gelaunt aus ihrem Reisebericht, untermalten ihre Ausführungen über Eisbären und hohen Seegang durch Videoeinspieler und sorgten mit diesem Konzept für gute Laune. Und da wir thematisch schon auf den Meeren dieser Welt unterwegs waren, wurde abschließend mittels Surfmusik von den Robotern der Abend eine runde Sache.
- Juli Zeh und Slut am 04.10.2009 im Beatpol. Hingehen! Und hier kann man schon mal lunschen.
- Robert & The Roboters haben sich zwischenzeitlich aufgelöst, gesammelte Werke sind aber noch käuflich zu erwerben.
- Das UT Connewitz, eine wunderbare Lokation, bittet zur Zeit um Spenden, um eine Schließung abzuwenden.
Donnerstag, 27. August 2009
Silvester
Man kommt ja durcheinander...
Wir schreiben mittlerweile das Jahr 2009, um genau zu sein ist es schon zu 2/3 wieder rum, aber damit dürfte ich niemandem etwas neues erzählen. Ich erinnere mich also acht Monate später bei fast 40 Grad Temperaturunterschied an ein paar Tage an der Flensburger Förde. Das interessiert wahrscheinlich eh keinen, wird hier aber trotzdem dokumentiert, denn meine Bemühungen um möglichst chronologische Beschreibung wurden ohnehin längst ad absurdum geführt.

Silvester am Meer - oder - Der erste Winter seit zwei Jahren
In einem vorangegangenen Beitrag wurden schon zauberhafte Eisblumenbilder gepostet, kalt war der Jahreswechsel. Uns verschlug es in die Einöde im hohen Norden, nur ein paar Meter vom Meer und wenige Kilometer von Dänemark entfernt. Mit den dickbesockten Füßen war ich also in Deutschland, mit dem Kopf vollkommen unreflektiert überall und nirgends. Neukirchen bot da mit seiner Idylle willkommene Ruhe. Dort werden die Brötchen morgens noch mittels Stoffbeutel an den Türknauf gehangen, man kennt und grüßt sich und genießt die Weite. Ausflüge nach Flensburg und Glücksburg enden meist im Café oder Restaurant, der nächste Supermarkt ist zehn Minuten Autofahrt entfernt. Es gibt kein Handynetz oder nur ansatzweise dänisches, Kamin und Bücher tragen zur Entspannung bei. Am Tag, an dem man 00:00 feiert, grummelt es laut und beeindruckend aus Dänemark herüber, der Himmel färbt sich rot da drüben, ein unheimliches Szenario, in dem unsere paar Raketen gnadenlos verpuffen. Schwupps ist es 2009, es tut so, als wäre nix gewesen und hat ja eigentlich auch recht, nur funktioniert das Verarbeiten dieser Information bei mir noch nicht richtig. Da ich Winter nicht mehr gewöhnt bin *angeb*, züchte ich mir eine fette Erkältung heran und finde die paar Tage am Meer trotzdem einfach wunderbar.




Wir schreiben mittlerweile das Jahr 2009, um genau zu sein ist es schon zu 2/3 wieder rum, aber damit dürfte ich niemandem etwas neues erzählen. Ich erinnere mich also acht Monate später bei fast 40 Grad Temperaturunterschied an ein paar Tage an der Flensburger Förde. Das interessiert wahrscheinlich eh keinen, wird hier aber trotzdem dokumentiert, denn meine Bemühungen um möglichst chronologische Beschreibung wurden ohnehin längst ad absurdum geführt.

Silvester am Meer - oder - Der erste Winter seit zwei Jahren
In einem vorangegangenen Beitrag wurden schon zauberhafte Eisblumenbilder gepostet, kalt war der Jahreswechsel. Uns verschlug es in die Einöde im hohen Norden, nur ein paar Meter vom Meer und wenige Kilometer von Dänemark entfernt. Mit den dickbesockten Füßen war ich also in Deutschland, mit dem Kopf vollkommen unreflektiert überall und nirgends. Neukirchen bot da mit seiner Idylle willkommene Ruhe. Dort werden die Brötchen morgens noch mittels Stoffbeutel an den Türknauf gehangen, man kennt und grüßt sich und genießt die Weite. Ausflüge nach Flensburg und Glücksburg enden meist im Café oder Restaurant, der nächste Supermarkt ist zehn Minuten Autofahrt entfernt. Es gibt kein Handynetz oder nur ansatzweise dänisches, Kamin und Bücher tragen zur Entspannung bei. Am Tag, an dem man 00:00 feiert, grummelt es laut und beeindruckend aus Dänemark herüber, der Himmel färbt sich rot da drüben, ein unheimliches Szenario, in dem unsere paar Raketen gnadenlos verpuffen. Schwupps ist es 2009, es tut so, als wäre nix gewesen und hat ja eigentlich auch recht, nur funktioniert das Verarbeiten dieser Information bei mir noch nicht richtig. Da ich Winter nicht mehr gewöhnt bin *angeb*, züchte ich mir eine fette Erkältung heran und finde die paar Tage am Meer trotzdem einfach wunderbar.




Freitag, 31. Juli 2009
explicit lyrics
Heinz Strunk liest aus "Fleckenteufel" im Metropolis und keiner geht hin? Tatsächlich hatten sich am 4.2.2009 kurz vor 20 Uhr gerade mal 25 Interessierte im Saal 7 eingefunden, Schreck lass nach. Dann kam wohl doch noch ne Bahn, war das Bier endlich gezapft, ein Parkplatz gefunden.. und so verteilten sich mit Erscheinen des Autors geschätzte 75 Zuhörer in einem für diese Veranstaltung nicht ganz tauglichen Kinosaal.
Worum ging's.. Um "Fleckenteufel", das neueste Prosawerk von Heinzer, seines Zeichens Musiker, Studio Braun-Mitglied, Schriftsteller und was weiß ich noch alles. Der im Vorfeld schon heftig diskutierten (möglichen) inhaltlichen und optisch auffälligen Nähe zu Charlotte Roches "Feuchtgebiete" tritt Heinz Strunk gleich zu Beginn mit einem verwirrenden, in Staccato-Manier gehaltenen Referat über Marketingstrategien, Stakeholder und Hedgefonds entgegen. Ob das Covermimikry tatsächlich zu ähnlichen Verkaufserfolgen führt, wird sich zeigen, ist mir aber eigentlich ziemlich egal.
In "Fleckenteufel" fährt der 16jährige Thorsten für zwei Wochen zur christlichen Sommerfreizeit ans Meer und hinterlässt noch vor der Abfahrt einen Haufen Scheiße hinterm Gemeindehaus. Die Ausführungen über Darmbewegungen sind detailverliebt und werden im weiteren Verlauf der Handlung auch konsequent auf die Themen Popel, Kotze und Genitalien ausgeweitet, wir erfahren also reichlich über Rosetten, Schwänze und verwirrte Phantasien. Nützt ja nix. Thorsten also, für sein Alter etwas zu klein geraten und heftigst am Pubertieren, fährt nach Scharbeutz ins Zeltlager, um dort chronisch überfordert und verunsichert, "Weiber" zu beobachten und unter permanentem Hormonstau Selbstfindung zu betreiben. Es werden verhunzte, etwas merkwürdige Mitmenschen mit absonderlichen Eigenschaften geschildert, die es mal nicht leicht haben werden im Leben, das Objekt der Begierde wechselt ständig (schließlich ist alles irgendwie geil), zusätzlich zeigt eine in diesem Alter nicht ganz ungewöhnliche mentale Autoaggression ihre Wirkung und ganz nebenbei muss Thorsten auch noch mit der stummen Verehrung für die wirklich coolen Typen klar kommen. Es wird zu ABBA und den Stones (eng)getanzt, verbranntes Stockbrot gegessen und Apfelkorn-Experimente enden bekanntermaßen niemals gut, auch hier nicht..
Da wir uns aber immer noch in einer christlichen Sommerfreizeit befinden, wird in der anheimelnd unmodernen Welt des Zeltlagers ganz im Sinne der Gemeinschaft auch Skat, Doppelkopf und Völkerball gespielt, Meer geguckt, gesungen und immer wieder Andacht gehalten, wobei Thorsten Glücksgefühle von Liebe und Nähe durchströmen.
Heinz Strunk liest ein bisschen nuschelig, verhaspelnd schnell, mit verschiedenen Stimmen und er singt begeistert - das Ganze begleitet von seinem Kichern und lachendem Publikum. Explizite Beschreibungen von Anatomie, Trieb und Ausfallerscheinungen hin oder her.. so wie es Heinz Strunk vorträgt, unterhält "Fleckenteufel" ungemein, schildert unumgängliche Tatsachen (die wirklich Coolen sitzen im Bus immer hinten) und am Ende so einer Jugendfreizeit ist man eben doch immer auch etwas reifer. Sogar Thorsten tauscht "Fünf Freunde" und "Landser"-Hefte gegen Charles Bukowski. Und die Moral von der Geschicht? "Das Leben ist zu kurz für ein langes Gesicht."
Worum ging's.. Um "Fleckenteufel", das neueste Prosawerk von Heinzer, seines Zeichens Musiker, Studio Braun-Mitglied, Schriftsteller und was weiß ich noch alles. Der im Vorfeld schon heftig diskutierten (möglichen) inhaltlichen und optisch auffälligen Nähe zu Charlotte Roches "Feuchtgebiete" tritt Heinz Strunk gleich zu Beginn mit einem verwirrenden, in Staccato-Manier gehaltenen Referat über Marketingstrategien, Stakeholder und Hedgefonds entgegen. Ob das Covermimikry tatsächlich zu ähnlichen Verkaufserfolgen führt, wird sich zeigen, ist mir aber eigentlich ziemlich egal.
In "Fleckenteufel" fährt der 16jährige Thorsten für zwei Wochen zur christlichen Sommerfreizeit ans Meer und hinterlässt noch vor der Abfahrt einen Haufen Scheiße hinterm Gemeindehaus. Die Ausführungen über Darmbewegungen sind detailverliebt und werden im weiteren Verlauf der Handlung auch konsequent auf die Themen Popel, Kotze und Genitalien ausgeweitet, wir erfahren also reichlich über Rosetten, Schwänze und verwirrte Phantasien. Nützt ja nix. Thorsten also, für sein Alter etwas zu klein geraten und heftigst am Pubertieren, fährt nach Scharbeutz ins Zeltlager, um dort chronisch überfordert und verunsichert, "Weiber" zu beobachten und unter permanentem Hormonstau Selbstfindung zu betreiben. Es werden verhunzte, etwas merkwürdige Mitmenschen mit absonderlichen Eigenschaften geschildert, die es mal nicht leicht haben werden im Leben, das Objekt der Begierde wechselt ständig (schließlich ist alles irgendwie geil), zusätzlich zeigt eine in diesem Alter nicht ganz ungewöhnliche mentale Autoaggression ihre Wirkung und ganz nebenbei muss Thorsten auch noch mit der stummen Verehrung für die wirklich coolen Typen klar kommen. Es wird zu ABBA und den Stones (eng)getanzt, verbranntes Stockbrot gegessen und Apfelkorn-Experimente enden bekanntermaßen niemals gut, auch hier nicht..
Da wir uns aber immer noch in einer christlichen Sommerfreizeit befinden, wird in der anheimelnd unmodernen Welt des Zeltlagers ganz im Sinne der Gemeinschaft auch Skat, Doppelkopf und Völkerball gespielt, Meer geguckt, gesungen und immer wieder Andacht gehalten, wobei Thorsten Glücksgefühle von Liebe und Nähe durchströmen.
Heinz Strunk liest ein bisschen nuschelig, verhaspelnd schnell, mit verschiedenen Stimmen und er singt begeistert - das Ganze begleitet von seinem Kichern und lachendem Publikum. Explizite Beschreibungen von Anatomie, Trieb und Ausfallerscheinungen hin oder her.. so wie es Heinz Strunk vorträgt, unterhält "Fleckenteufel" ungemein, schildert unumgängliche Tatsachen (die wirklich Coolen sitzen im Bus immer hinten) und am Ende so einer Jugendfreizeit ist man eben doch immer auch etwas reifer. Sogar Thorsten tauscht "Fünf Freunde" und "Landser"-Hefte gegen Charles Bukowski. Und die Moral von der Geschicht? "Das Leben ist zu kurz für ein langes Gesicht."
Donnerstag, 30. Juli 2009
This is the story
Ich liebe Überraschungen (natürlich nur positive). Ein recht spontanes Wochenende in Berlin brachte mich am 17.01.2009 ins Hebbel am Ufer (kurz HAU 1) – hübsch hübsch dieses Theater, eine sympathische Mischung aus leicht verranzt und schick. Im Zusammenhang mit dem Themenwochenende „Dancing with myself – Musik, Geld und Gemeinschaft nach der Digitalisierung“ trat Matthew Herbert samt Big Band auf. Mister Herbert macht ja gern Musik mit politischer Note (Ha!, ich mag auch Doppeldeutigkeiten :-)) und somit war er geradezu prädestiniert, vor ausverkauftem Haus zu agieren.
Leider sind sämtliche Ton- und Bilddokumente meines Komplizen verschollen, also muss ich in Erinnerungen kramen. Ich weiß noch: es war voll, das Publikum bestand aus älteren Herren und jungen Mädchen mit Stirnband, eine Mischung aus abgeklärter Lässigkeit ("mir kann keiner mehr was") und Indieattitüde (total abgefahren und hip) prägten die Stimmung, aber das ist “nothing of great importance, nothing of substance too” (The Story).
Was wirklich wichtig ist, thematisiert Matthew Herbert in seinem Album „There’s Me And There’s You“ – es geht um den Irak-Krieg, Guantanamo, die Glaubwürdigkeit von Medien und um Konsumverhalten. Aus Zeitungen wird Konfetti gemacht, zu mehr sind sie ja oft nicht zu gebrauchen. Die Schmissigkeit der Swing-Musik lenkt dabei leicht von den Aussagen der Texte ab, Themen zum Nachdenken verstecken sich eben gern hinter den polierten Oberflächen. Bei „Battery“ beispielsweise stülpen sich die Musiker Säcke über den Kopf und sehen nun aus wie KKK-Mitglieder oder Verurteilte kurz vor der Exekution – „blindfolded, hooded & shackled”.
Herbert verlässt immer wieder sein Desk, tänzelt leichtfüßig umher, interagiert dabei aber fast ausschließlich mit der Band statt mit dem Publikum und beschäftigt sich ansonsten vor allem damit, die Musik und Geräusche zu sampeln, Sounds zu loopen und diverse Gerätschaften zu bedienen. Stimm(ungs)kanone Eska Mtungwazi hingegen klimpert mit den Wimpern, wiegt ihre Hüften, breitet ihre Arme aus, als wolle sie alle auf einmal umarmen und lächelt, dass einem das Herz aufgeht. Bekleidet ist sie mit einem Outfit aus zerbrochenen Vinylplatten und viel Glitzer – ob das eine Aussage hinsichtlich der pessimistischen Aussage des „Kongresses“ oder vielmehr eigenwilliger Modegeschmack ist, bleibt ihr Geheimnis. Ganz offensichtlich hingegen ist der großartige Gesang Eskas. Mühelos bedient sie leise Augenblicke, um im nächsten Moment voller Kraft ihrer Stimme alles abzuverlangen.
An einem solchen Abend zeigt sich wieder einmal das Potential von Livemusik, im heimischen CD-Player oder als Mp3 klingt „There’s Me And There’s You“ nicht annähernd so mitreißend. Wenn Musik aus der Konserve also den Charme von Plastetellern hat, dann war dieses Konzert das gute Sonntagsgeschirr mit den handgemalten Motiven. Nur einer der Gründe, warum ich so gern auf Konzerte gehe. Aber wie heißt es so schön, „es kann nicht immer Sonntag sein“.
Eska mit The Cinematic Orchestra und "Breathe" – toll, toll, toll
Leider sind sämtliche Ton- und Bilddokumente meines Komplizen verschollen, also muss ich in Erinnerungen kramen. Ich weiß noch: es war voll, das Publikum bestand aus älteren Herren und jungen Mädchen mit Stirnband, eine Mischung aus abgeklärter Lässigkeit ("mir kann keiner mehr was") und Indieattitüde (total abgefahren und hip) prägten die Stimmung, aber das ist “nothing of great importance, nothing of substance too” (The Story).
Was wirklich wichtig ist, thematisiert Matthew Herbert in seinem Album „There’s Me And There’s You“ – es geht um den Irak-Krieg, Guantanamo, die Glaubwürdigkeit von Medien und um Konsumverhalten. Aus Zeitungen wird Konfetti gemacht, zu mehr sind sie ja oft nicht zu gebrauchen. Die Schmissigkeit der Swing-Musik lenkt dabei leicht von den Aussagen der Texte ab, Themen zum Nachdenken verstecken sich eben gern hinter den polierten Oberflächen. Bei „Battery“ beispielsweise stülpen sich die Musiker Säcke über den Kopf und sehen nun aus wie KKK-Mitglieder oder Verurteilte kurz vor der Exekution – „blindfolded, hooded & shackled”.
Herbert verlässt immer wieder sein Desk, tänzelt leichtfüßig umher, interagiert dabei aber fast ausschließlich mit der Band statt mit dem Publikum und beschäftigt sich ansonsten vor allem damit, die Musik und Geräusche zu sampeln, Sounds zu loopen und diverse Gerätschaften zu bedienen. Stimm(ungs)kanone Eska Mtungwazi hingegen klimpert mit den Wimpern, wiegt ihre Hüften, breitet ihre Arme aus, als wolle sie alle auf einmal umarmen und lächelt, dass einem das Herz aufgeht. Bekleidet ist sie mit einem Outfit aus zerbrochenen Vinylplatten und viel Glitzer – ob das eine Aussage hinsichtlich der pessimistischen Aussage des „Kongresses“ oder vielmehr eigenwilliger Modegeschmack ist, bleibt ihr Geheimnis. Ganz offensichtlich hingegen ist der großartige Gesang Eskas. Mühelos bedient sie leise Augenblicke, um im nächsten Moment voller Kraft ihrer Stimme alles abzuverlangen.
An einem solchen Abend zeigt sich wieder einmal das Potential von Livemusik, im heimischen CD-Player oder als Mp3 klingt „There’s Me And There’s You“ nicht annähernd so mitreißend. Wenn Musik aus der Konserve also den Charme von Plastetellern hat, dann war dieses Konzert das gute Sonntagsgeschirr mit den handgemalten Motiven. Nur einer der Gründe, warum ich so gern auf Konzerte gehe. Aber wie heißt es so schön, „es kann nicht immer Sonntag sein“.
Eska mit The Cinematic Orchestra und "Breathe" – toll, toll, toll
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