Sonntag, 13. September 2009

Buchmesse - Teil 2

Tag 2 in Leipzig bedeutete dann tatsächlich Buchmesse – ein kostenloser Parkplatz in fußläufiger Entfernung war schnell gefunden und so hieß es, sich in den Besucheransturm einzureihen, ein Gruppenticket zu ordern und dafür vor Ort Mitstreiter zu akkreditieren.. das klappte tadellos und schon standen wir inmitten von Broschüren, Leseexemplaren, Interviewrunden und wenig einladenden Imbissbuden. Das Publikum war bunt durchmischt, alle Altersklassen drängten durch die Reihen, besonders auffällig die Unmengen Cosplayer in selbstgebastelten Manga Anime Kostümen. Wenn man auf diese Weise die Jugend dazu bekommt, mal wieder zwischen zwei Buchdeckel zu schauen, soll es mir recht sein, auch wenn sie sich mit äußerst seltsamen Figuren identifizieren.

Die Hallenaufteilung war unübersichtlich und unlogisch, die Geräuschkulisse enorm, der Sauerstoffgehalt der Luft grenzwertig niedrig und trotz der Unmengen von Buchstaben in Druckerzeugnissen, fehlte eine konsequente Ausschilderung bzw Ankündigung, welcher Autor zu welcher Uhrzeit an den Ständen zugegen sein wird. Die Suche nach dem Programm gestaltete sich etwas schwierig und wurde alsbald aufgegeben, so dass ich eigentlich nur mitbekam, was zufällig in Auge und Ohr kroch.

Auf den ersten Blick waren die Poetry Slammer der ganz große Hype. Veranstaltungen dieser Art dürften in jeder größeren Gemeinde mittlerweile zum Standardprogramm gehören, in Dresden jedenfalls kann man wöchentlich zwischen drei (gefühlten zehn) Vorstellungen wählen. Die gefürchtete Überpräsenz von E-Book-Präsentationen versteckte sich vor meiner Wahrnehmung, so dass ich zufrieden feststelle, dass die Haptik des Lesens andauern wird, das Blättern in Büchern mittelfristig wohl kein aussterbendes Kulturgut ist. Das nächste große Thema war, ich kann ein Gähnen kaum unterdrücken, die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit. Im Jahr 20 nach der Wende haben 15 Millionen potentielle Autoren noch längst nicht alles gesagt. Dass die Kinderbücher heutzutage wieder aufgelegt werden und das sogar richtig erfolgreich, freut mich, weil ich so im Buchladen jedes Mal kleine Zeitreisen mit dem Wolkenschaf, Alfons Zitterbacke und dem frechen Schüler Ottokar unternehme. Zu einem formidablen Menschenauflauf kam es am Stand der ZEIT, wo T.C. Boyle die Frauen erklärte und das an einem Ort versuchte, der ungeeigneter kaum sein kann, direkt vor einer Information und im engen Kreuzungsbereich des Ausstellergeflechts. Ein paar Minuten ging nichts vor und nichts zurück, das kann schon mal die Laune versauen, wenn man ohnehin ziellos umherirrt und nur noch seine Ruhe will. Aber wir waren schließlich nicht zum gemütlichen Schmökern hier und bemerkten erstaunt, dass streng aussehende Damen vor einem sich eifrig Notizen machenden Publikum über Kindererziehung referierten. Ratgeberbücher waren augenscheinlich DER Hit der Messe – wie man glücklich, sportlich, flexibel, ausgeglichen, reich, gesund, kreativ, klug, schön oder autoritär wird – irgendjemand schickt sich garantiert an, Dir den ultimativen Leitfaden an die Hand zu geben. Wenn ein Richard David Precht erkennt „Es gibt kein Gesetz für die Liebe“, landet er damit jedenfalls einen Bestseller und ich überlege, meine Kneipengespräch-Gedächtnisprotokolle zu verbalisieren. Auch spirituelle und religiöse Buchstabensammlungen gab es im unüberschaubaren Ausmaß, politische Bildung sowieso.. ich bleibe trotzig Belletristikfan und verweigere mich dem Sachbuch. Eine Mischung aus beidem versuchen die jungen Wilden, die eher zufälligen Autoren, die eigentlich was ganz anderes machen, meist irgendwas mit Medien und eigentlich gar kein Buch schreiben wollten. Sarah Kuttner zum Beispiel, Kodderschnauze aus dem Musikfernsehen und von mir als durchaus sympathisch eingestuft, schreibt ein Buch über Panikattacken und Depressionen in gerade mal zwei Monaten vom ersten flüchtigen Gedanken zum ersten Rezensionsexemplar. Das ist beachtlich, aber fragwürdig, wenn man bedenkt, dass so eine Depression gar nicht spaßig ist und gern mal etwas länger dauert. Aber das ist vermutlich gar nicht der Anspruch von S. Kuttner, die wollte nur mal darüber schreiben, wie es so ist, zu entschleunigen und den ganzen Kreativstress abzubauen. Natürlich wird auch das ein Erfolg. Konfetti und Champagner vs. Pillen und Seelenschmerz, es steht 1:0. „Autor“ Nagel, Muff Potter-Frontmann, liest aus „Wo die wilden Maden graben“ und erzählt darin vom Alltag einer Band auf Reisen. Nun ist der Herr Nagel eine ebenfalls sympathische Erscheinung, trägt das ganze authentisch vor und freut sich, als im Hintergrund der Lesung undefinierbares Geschrei zu hören ist, darüber, dass auch das Hochkultur-Literaturpublikum offenbar nicht ganz spackenfrei ist. Im Lesekanon der nächsten Generation landet „Wo die wilden Maden graben“ bestimmt nicht, für den Campingausflug an den See mit der Clique ist es aber gut geeignet. Dann landen auch wir im Publikum eines gefeierten Poetry Slammers, der heißt Bas Böttcher und liest aus „Neonomade“, spielt vieldeutig mit den Worten und erzählt in Loops, wird dafür ordentlich gefeiert, hinterlässt bei mir aber eher kalte Schauer auf dem Rücken, mir ist seine Stimme/Art nicht genehm. Ich kann damit genauso wenig anfangen, wie mit Lyrik, aber vor ein paar Jahren fand ich auch andere Musik gut, wer weiß, was sich in meinem Literaturverständnis noch so alles tut. Wo wir schon mal da waren, hörten wir auch noch Kerstin Köditz über den Umgang mit der NPD zu. Zumindest das Publikum war sich einig, dass Zivilcourage gegen rechts nötig ist, ob die aber auch alle wenigstens wählen waren, wage ich hiermit zu bezweifeln. Nach ein paar Stunden Buchmesse entdeckte ich auf dem Weg zur Toilette auch endlich den Bereich der Kunsthochschulen und ihre fabelhaften Ausstellungsstücke, leider war ich nicht mehr aufnahmefähig und gesellte mich stattdessen für 10 Minuten in die Reihe immer unruhiger werdender Damen.

Wir beschlossen den Rückzug anzutreten und unseren Sinnen für den Abend noch eine Erholungspause zu gönnen, dann sollte es nämlich ins Neue Rathaus gehen, wo traditionell die LitPop stattfindet. Das Neue Rathaus punktete mit schön ausgeleuchteter imposanter Erscheinung, verlor aber durch miese Akustik. Wir drängten uns an den eher lieblos gestalteten Bars und harrten der Dinge, die da kommen mögen. Tilman Rammstedt zum Beispiel, Autor des hochgelobten Buches „Der Kaiser von China“, der leider nur über mäßiges Talent für Lesungen verfügt. Er hetzte nuschelnd durch seinen Roman, auch wir eilten davon. Juleska Vonhagen referierte anschließend über Herzmist, über pubertären Liebeskummer von Frauen für Frauen also, brutal langweilig vorgetragen. Ich habe Bestsellerlisten und so manche Feierei von Autoren noch nie kapiert. Sarah Kuttner war auch da, redete über ihr Mängelexemplar und ich erkannte, dass dieser Titel im Rahmen einer Buchmesse nur als Ironie betrachtet werden kann. Leider verstand man sie und auch Stermann & Grissemann aufgrund der fürchterlichen Akustik in der Wandelhalle des Neuen Rathauses kaum nicht, das Gute aber: wir hörten dadurch auch den Moderator kaum, der betont lustig und anbiedernd versuchte, das Publikum zu animieren. Die Getränke zeigten langsam Wirkung, so recht kann ich mich nicht mehr an den Rest des Abends erinnern, ich weiß noch, dass ich viele immens wichtige Leute bei mindestens genauso wichtigen Gesprächen hinsichtlich ihrer Körpersprache und verbissenen Mienen beobachtet habe und heimlich Wetten abschloss, wer wem zuerst aus Versehen das Rotweinglas über die polierten Schuhe kippt. Musik gab’s auch, zum Beispiel von Olli Schulz, der gewohnt knuffig ironisch die kleinen Momente im Leben besang. Abschließend durfte getanzt werden, wir aber beendeten den Abend.

Fazit: so eine Buchmesse ist furchtbar stressig, aber das Rahmenprogramm wirklich lohnenswert.

Freitag, 4. September 2009

Buchmesse - Teil 1

Wer (wie ich) von Buchläden schon latent überfordert ist, weil er nicht weiß, wo sich die besten Storys, die schönsten Sätze, die mitreißenden Erzählungen, die lustigsten Beschreibungen und spannendsten Abenteuer verstecken, tut sich keinen Gefallen, auf die Buchmesse zu fahren, um im schier endlosen Angebot endgültig den Überblick zu verlieren. Wir fuhren trotzdem hin, schließlich hofft man als Viel- & Schnellleser unbeirrbar auf verwertbare Hinweise im Belletristikbereich. Die Leipziger Buchmesse zeichnet sich zudem durch ein umfangreiches Rahmenprogramm („Leipzig liest“ und diverse Konzerte/Partys) aus, so dass bei eventueller Buchstaben-Übersättigung für Abwechslung gesorgt ist.

13.03.2009, Freitagabend in Leipzig: Bevor wir uns den Büchern widmen, gehen wir ums Eck ins Werk II, um Juli Zeh und Slut bei einer Art Live-Hörspiel zuzuhören. Juli Zeh liest aus ihrem neuen Roman „Corpus Delicti“, Slut übernimmt kongenial einige Parts der Erzählung und unterlegt das ganze mit (un)bekannten Liedern. Dass bei Slut Literatur und Musik zusammen kommen, ist nicht neu, sie haben schon die Dreigroschenoper vom Brecht neu vertont. „Corpus Delicti“ reiht sich in die Kategorie „Science-Fiction-Krimi-mit-politischem-Fingerzeig“ und bringt Frau Zeh den (streitbaren) Vergleich mit George Orwell ein. Die Aufführung beginnt mit einer Airport-Ansage, die für Paranoide und Verschwörungstheoretiker schwer erträglich sein muss, denn plötzlich wird auch bei Kulturveranstaltungen gebeten, auf sperriges/unbewachtes Gepäck, suspekte Personen und auffälliges Verhalten zu achten - bei Künstlern nicht ganz ungewöhnlich ;-).

In Zehs Geschichte ist Gesundheit höchstes Gut und Bürgerpflicht und wird vom obersten System (der Methode) durch Schlaf- und Ernährungsberichte kontrolliert, während eine zentrale Partnervermittlung für den optimalen DNA-Partner sorgt, denn nur vollkommene Körper garantieren eine vollkommene Gesellschaft. Dass gesunde Körper nicht zwangsläufig auch einen gesunden Geist mit sich bringen, hat allerdings auch schon der Urheber dieses vielbemühten Satzes gewusst.

Hauptfigur Mia Holl widersetzt sich diesem Wahnsinn, kämpft um geistige Unabhängigkeit und muss sich vor einem Gericht für ihr Verhalten verantworten. Ihr Bruder wird aufgrund von DNA-Spuren der Vergewaltigung bezichtigt, Mia zweifelt an seiner Schuld, die Hexenjagd beginnt.

Leseprobe aus "Corpus Delicti"

“Ich entziehe einer Gesellschaft das Vertrauen, die aus Menschen besteht und trotzdem auf der Angst vor dem Menschlichen gründet. Ich entziehe einer Zivilisation das Vertrauen, die den Geist an den Körper verraten hat. … Ich entziehe einer Sicherheit das Vertrauen, die eine letztmögliche Antwort sein will, ohne zu verraten, wie die Frage lautet. … Ich entziehe einer Moral das Vertrauen, die zu faul ist, sich dem Paradoxon von Gut und Böse zu stellen und sich lieber an »funktioniert« oder »funktioniert nicht« hält. Ich entziehe einem Recht das Vertrauen, das seine Erfolge einer vollständigen Kontrolle des Bürgers verdankt. Ich entziehe einem Volk das Vertrauen, das glaubt, totale Durchleuchtung schade nur dem, der etwas zu verbergen hat. … Ich entziehe einer Politik das Vertrauen, die ihre Popularität allein auf das Versprechen eines risikofreien Lebens stützt. … Ich entziehe Eltern das Vertrauen, die ein Baumhaus »Verletzungsgefahr« und ein Haustier »Ansteckungsrisiko« nennen. Ich entziehe einem Staat das Vertrauen, der besser weiß, was gut für mich ist, als ich selbst. Ich entziehe jenem Idioten das Vertrauen, der das Schild am Eingang unserer Welt abmontiert hat, auf dem stand: »Vorsicht! Leben kann zum Tode führen.«

Dass Juli Zeh gegen die Beschneidung von Bürgerrechten ankämpft, ist nichts Neues, schon 2008 hat sie Verfassungsbeschwerde gegen den biometrischen Reisepass eingereicht; 2009 kam neben „Corpus Delicti“ auch ein Gemeinschaftswerk mit Ilija Trojanow auf den Markt, das im Untertitel klar macht, worum es geht: „Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau bürgerlicher Rechte“. Die Themen in Zehs Werken sind fast immer politisch und moralisch hinterfragend und somit nicht gerade Strandlektüre. Natürlich ist das Aufdecken von Zusammenhängen und das Benennen unsinniger Vorhaben wichtig, ob aber Juli Zeh allumfassend und korrekt darüber berichten kann, weiß ich nicht. Angesichts der Themenbrisanz ist grundsätzlich jeder eigenverantwortlich, ob er sich als transparenter gläserner Bürger darstellt oder doch wenigstens mattierte Glasscherben verwendet. Wer mit Kundenkarten seine Konsumpräferenzen preisgibt, wer exhibitionistisch innerhalb von Social Networks der halben Welt Einblicke in seine Privatsphäre gestattet und sich dann ungerechtfertigt beobachtet fühlt, für den habe ich weder Verständnis noch Mitleid. Gesunder Menschenverstand scheint mir viel mehr von Nöten zu sein, als den nächsten Kontakt bei StudiVZ "anzugruscheln" oder zehn Bonuspunkte an der nächsten Tankstelle (videoüberwacht) gegen einen Schlüsselanhänger (mit GPS-Chip) einzutauschen.



Zurück zur Aufführung:
Slut lockerten die Stimmung etwas mit ihren „Hits“ If I Had a Heart und Global Cut, Vergleiche mit Polarkreis 18 und Radiohead schwirrten durch den Raum und die Wodka-Lemon sah im Neonlicht der Bar plötzlich seltsam chemisch aus. Etwas erschlagen von Sätzen und Thematik gingen wir anschließend ins UT Connewitz, wo Robert & The Roboters und die Lesung von „Nicht der Süden“ leichter verdauliche Kost boten.

Volker Strübing und Kirsten Fuchs rezitierten anschaulich und gut gelaunt aus ihrem Reisebericht, untermalten ihre Ausführungen über Eisbären und hohen Seegang durch Videoeinspieler und sorgten mit diesem Konzept für gute Laune. Und da wir thematisch schon auf den Meeren dieser Welt unterwegs waren, wurde abschließend mittels Surfmusik von den Robotern der Abend eine runde Sache.

- Juli Zeh und Slut am 04.10.2009 im Beatpol. Hingehen! Und hier kann man schon mal lunschen.
- Robert & The Roboters haben sich zwischenzeitlich aufgelöst, gesammelte Werke sind aber noch käuflich zu erwerben.
- Das UT Connewitz, eine wunderbare Lokation, bittet zur Zeit um Spenden, um eine Schließung abzuwenden.