Montag, 28. April 2008

25.04.2008

Auch Busfahrten können einen hin und wieder nerven überraschen. An der ersten Tollstation fällt dem Busbegleiter (Äquivalent zum Schaffner) auf, dass man keine Chilena ist, er wackelt mit der Passkopie zu einem Polizeihäuschen, erst dann darf der Bus passieren. Hm, na sollense ma machen, is mir doch egal. Mitten in der Nacht, man hatte sich gerade gemütlich eingeschunkelt und ist in so eine Art Schlaf gefallen, stoppt der Bus im Nirgendwo. Alle aussteigen! Gepäckkontrolle. Sto? Como? Hä? Por que? Keine Antwort, das ist halt so. Also ordnet man sich ein in die Reihe stoischer Gesichtsausdrücke unter ungeordnetem Haar, öffnet brav seinen Rucksack, der Beamte greift beherzt in die Untiefen stinkiger Socken und geht dann zum nächsten Gepäckstück über. Nebenan wartet ein Imbiss - falls es mal länger dauern sollte. Angesichts dieser überaus gründlichen Untersuchung noch etwas sprachlos vermute ich, dass er anhand des Plastiktütenraschelns erkennt, ob man zu den Guten oder Bösen gehört. Das wäre doch mal was für „Wetten, dass...“. Die Beweggründe für irgendwelche Unarten bleiben bei dieser Sendung ja auch oft im Nebulösen. Kurz darauf fällt mir auf, dass sich mein Vordermann ohrenbetäubend laut Modern Talking antut, ich versuche wegzuhören und ins Traumland zu flüchten, um dort... oh Schreck, meine gute alte Bekannte aus dem letzten Eintrag, die Schaufensterpuppe wiederzutreffen, die diesmal wirklich besser aussieht, fährt sie doch an der Küstenstraße in Malibu in einem türkisfarbenen Cadillac an mir vorbei und trägt diesmal statt einem Strick eine Geronimo-Kette um den Hals. Als ob das nicht Alptraum genug wäre, schnipst sie „you can win if you want“ so überzeugend, dass ich plötzlich Dieter Bohlens Quietschestimme mit dem Response „if you want it, you will win“ im Ohr habe. Ich glaube, Chile tut mir nicht gut. Oder sind’s die Busfahrten? Schlafmangel? Fehlt mir einfach Musik so sehr, dass ich jeden Tune zum Ohrwurm mache? Irgendwie beängstigend.

Donnerstag, 24. April 2008

18.04.-24.04.2008

Auszeit

Von San Pedro zum nächsten Ziel sind es 500km, denn statt einfach nur rüber an die Küste zu fahren, geht es in den Nordwesten nach Iquique. Die Fahrt wird aufgrund des zeitigen Sonnenuntergangs eine ziemlich dunkle, die Leselampe leuchtet das mühsame Sinngeben von Buchstabenreihen mit der Kraft von 1 GW (Glühwürmchen) aus, beim Starren in die Dunkelheit kann ich mehr erkennen. Am späten Abend Ankunft in Iquique und ich kieke und kieke, kann aber partout nichts entdecken, was diese Stadt ausmachen soll – und bleibe trotzdem vier Tage länger als geplant. Weil es sich wie Urlaub anfühlt und nicht wie Reisen. Das Gefühl, sich unbedingt tausend Sachen in der Umgebung anschauen zu müssen, hat den Bus verpasst. Also läuft man an der Strandpromenade entlang und wartet angesichts des Iquiqueschen Versuches, Kalifornien zu imitieren, auf Rollerblader und Jogger – die dann tatsächlich auch vorbei kommen. Im Stadtzentrum sieht es aus wie nach einem Erdbeben, was hier im Norden Chiles nicht von ungefähr kommt. Ist es eigentlich sehr seltsam, dass ich schon ganz gern mal ein Erdbeben erleben würde? Es darf auch ein kleines sein, so hoch sind meine Ansprüche da nicht. Jedenfalls ist diese Stadt tot, leer, seltsam. Auf Holzfußwegen läuft man an Kolonialzeitfassaden vorbei, die Dächer sind eingefallen, ausgebrannt und zwischen dem üblichen Anblick streunender Hunde, suchen Bettler im Dreck nach Verwertbarem.





california dreaming



der häßlichste Baum der Stadt



immer schön der Reihe nach



nein, keine Wäscheleine



traditionelles chilenisches Saitenzupfinstrument

für die Tierfreunde:







Tuna bevor er geschreddert in der Dose landet



Password Swordfish



ähm...



oha!





Montag - Freitag 07:30 - 08:30 befinden sich Norden und Süden fast in der gleichen Richtung, Aufenthaltsort am Wochenende und den restlichen Zeiten unklar



Zum Mitnehmen? Such dir eine Packung aus



für die ganz Blinden: hier ist der Optiker

Trotzdem stellt sich ein Urlaubsgefühl ein, wozu auch das Hostel beiträgt, in dem ein spezieller Vibe herrscht. Man kommt an und stört sich nicht am 9-Bett-Zimmer, die Räume sind hell, groß und liebevoll dekoriert, fast so, wie man es selber auch einrichten würde, das Haus zieht einen gewissen Schlag Backpacker an, nicht die, die jeden Abend ausgehen müssen, sondern die, die alle schon seit Monaten unterwegs sind, kein lästiges Tütenrascheln am Morgen, kein nächtliches Über-Taschen-Stolpern, keine lauten Gespräche im Zimmer – jeder weiß, was es bedeutet, einen Raum zu teilen und versucht, störende Elemente zu eliminieren. In den letzten neun Monaten habe ich so gut wie nie eine derartig einträchtige Stimmung untereinander und Verständnis füreinander erlebt. Die Miniküche ist nicht nervig, sondern gemütlich, statt den übervollen Kühlschrank mit Naserümpfen zu betrachten, wird es zum amüsanten Spiel, anhand der Tütenform zu erraten, was sich darin verbergen könnte (eine weiche Avocado entpuppt sich als Hühnerbrust, aus Äpfeln werden Kartoffeln etc), man kann ohne angelabert zu werden, völlig versunken Bücher lesen, der Fernseher bleibt aus, oder 30 Leute einigen sich auf eine DVD, die Musik ist hip, aber im Hintergrund, man wird nicht nach der Facebook-Adresse gefragt, statt Bier trinkt man Wein, kleine Jamsessions, jeder Abend ein Gartenfest... man, das klingt wirklich entspannt :). Am ersten Tag geht man noch auf die übliche Entdeckungstour, am dritten Tag ändert man Pläne, am fünften Morgen weiß man nicht mehr, welcher Tag eigentlich ist. Und dann reißen einen doch plötzlich Einzelne aus diesen Momenten der Rast, beginnen die wer-wie-was-wieso-weshalb-warum-(auch wer fragt, bleibt dumm//wer nicht fragt, ist stumm)-Fragestunde und verwandeln das Leben wieder in eine Formatvorlage. Iquique ist im Norden, verhältnismäßig nah an Peru und Bolivien, also muss man dort gewesen sein. Hier ein kleiner ermüdender Diskussionsbeitrag zum Thema:

Er: Have you been to Peru? Any advices?
Ich: I haven’t been to Peru.
Er: So, have you been to Bolivia?
Ich: No.
Er: Are you heading there?
Ich: No, I am heading south.
Er: But Bolivia and Peru are in the opposite direction.
Ich: I know, i can read a map.
Er: But you are a girl.
Ich: Yeah, but a clever one.

Und dann fällt einem auf, dass der Kloschüsselhersteller seine Produktreihe Corona nennt. Wir wissen alle, was das eigentlich ist, ich überlege kurz, ob es ein Hinweis sein soll, wo man im Übelkeitsfall die gleichnamige Biermarke entsorgen soll und irgendwie macht „dem scheint die Sonne aus dem A...“ auch plötzlich Sinn. Ehe ich weiter wirres Zeug denke, entscheide ich mich, zu gehen. 18h Busfahrt, 1600km, nächstes Ziel: La Serena. Bis dahin, adios amigos!

Blick ausm Hostel-Fenster



morgens



nachmittags



abends



Montag, 21. April 2008

13.04.-17.04.2008

Jetzt kriegtse Höhe

Durch die Notwendigkeit sämtliche Reisepläne übern Haufen zu werfen und nach einem nachdenklichen Blick auf die Südamerikakarte stand also der Plan fest, sich für ein Weilchen weiter im Norden Argentiniens und Chiles rumzutreiben. Nachdem ich einen Monat Argentinien ohne Guidebook bereist hatte, kramte ich wieder den LP Chile heraus und fand das nächste Ziel in bequemen 600km Entfernung: San Pedro de Atacama. Dass man für 600km ganze 12 Stunden benötigen könnte, war mir nicht klar, hatte angesichts der Strecke aber seine Berechtigung, denn der Bus quälte sich Serpentinen herauf, dass mein Bedarf an Berg- und Talbahnfahrten für die nächsten Jahrzehnte gedeckt ist und ich sehr dankbar war, dass mein Magen nicht dazu neigt, seine Bewegungen den Straßenverhältnissen anzupassen. Der Grenzübergang befand sich in 4200m Höhe und als sich die Busladung brav bei der Passkontrolle anstellte, hatten einige ziemlich kurzatmig oder von Kopfschmerzen geplagt, mit der Höhe zu kämpfen. Autowracks und Teile verbogener Leitplanken säumten den Straßenrand, so dass ich dem Fahrer für seine konsequenten 30km/h dankbar war, mehr Zeit blieb, den Blick aus dem Fenster zu genießen und ich mal wieder unbeeindruckt von den Reflexionen in der Scheibe den Versuch unternahm, zu knipsen, als hätte ich japanische Vorfahren.

wieder am siebenfarbigen Hügel vorbei


Salzwüste

Tarnung

Grenzübergang


Kurve nicht gekriegt



Am Ziel angekommen, wurden von den Chilenischen Behörden alle Rucksäcke durchwühlt, gefahndet wurde nach der gemeinen Fruchtfliege, die angesichts der Wetterbedingungen in der Atacama-Wüste wahrscheinlich sowieso nicht überleben könnte. Uns empfingen 30 Grad trockenste Hitze und Staub soweit das Auge reichte. Alles war in Gelb-,Grau-,… Sandtöne getaucht, matte Farben, gleißendes Sonnenlicht. Siesta macht hier Sinn, von 12 bis 17 Uhr passiert nicht viel, um genau zu sein: gar nix, Mitternacht wird das Wasser abgestellt und Strom gab es auch nicht immer, aber das war egal, denn schließlich befand ich mich mitten in der trockensten Wüste der Welt, in der manche Regionen noch nie Regen verzeichnet hatten, außerdem macht Kochen bei Kerzenschein Spaß. Die Hunde, die tagsüber in der Hitze dösen, bellen oder jaulen nachts mehrstimmig den Mond an, Bankautomaten sollte man zwischen 18:15 und 18:45 sowie zwischen 22:15 und 23:15 nicht benutzen und doch bitte auch nur gewisse Beträge abheben, sonst frisst er die Karte, 330 Tage im Jahr gibt es einen wolkenfreien Himmel, Grund genug, dass ganz in der Nähe 2012 das weltgrößte Observatorium fertig sein soll. Häuser baut man mit Adobe (Übersetzung: luftgetrockneter Lehmziegel, bla bla... gehts umständlicher?), innen arschkalt und dunkel, so dass man sich nachmittags in dicke Decken einhüllt und fast augenblicklich einschläft, nicht jedoch ohne vorher noch eine neue Version des Acrobat Reader zu erfinden: Man liege auf dem Rücken, halte das Buch im Abstand einer Armlänge über den Kopf, schlafe kurz ein und lasse dabei das Buch mitten ins Gesicht fallen = äußerst wirksame Methode, ein Nickerchen zu verhindern. Am besten eignet sich übrigens ein 600 Seiten-Buch dafür. „Schwere Kost“ in Verbindung mit Literatur bekommt so eine ganz neue Bedeutung.

San Pedro:

Siesta 1

Siesta 2

Hostel


hinterm Hostel


Siesta 3



Bolzen

typischer, gepflegter Vorgarten

Bekanntermaßen ist Schlafen für mich sowieso eine völlig überbewertete Sitte und zum Glück habe ich auch noch nie in meinem Leben Geysire gesehen, bin noch nie durch Schwefelschwaden gewandert … ;), also machte ich mich an einem Morgen um 4:30 Uhr (so etwas müsste verboten werden!) auf den Weg zu den El Tatio Geysiren, dem höchstgelegenen Geothermalfeld der Welt auf 4tausend3hundertund Metern. Von 6:30 bis 9:00 brodelt’s da fröhlich vor sich hin, nachher blubbert’s sicher auch noch, aber dank der Sonne sieht man dann fast nix mehr. Nicht nur die Uhrzeit war eine echte Herausforderung, sondern auch die erfrischenden MINUS 15 GRAD an diesem Morgen. Habe ich schon erwähnt, dass ich gerade in der trockensten WÜSTE der Welt war und tagsüber immer 30 Grad PLUS waren?! Ich habe in den letzten Monaten nirgendwo mehr gefroren wie dort oben und empfehle hiermit jedem Geothermal-Interessierten isländischen Regen, oder neuseeländischen Touri-Kommerz zu ertragen, aber wenigstens nicht um das Abfallen seiner Finger fürchten zu müssen. Diese gehorchten mir trotz plüschiger Handschuhe nämlich überhaupt nicht mehr und hätte ich mich nicht höchstselbst davon überzeugt, dass sie noch an der Hand baumelten, ich hätte sie als vermisst gemeldet. Natürlich hätte (wie oft kann man denn bitteschön "hätte" in drei Zeilen unterkriegen?!) ich sie im 85 Grad warmen Sprudelwasser aufwärmen können, aber Erfrierungen und Verbrennungen sind Erscheinungen, die beide nicht auf meiner to-do-Liste stehen.

nein, nicht Uluru


gut ausgebaute Strasse


sprudelt sauber, sprudelt frisch...

Danach ging es in ein paar kleine Dörfer der Umgebung, wo das Leben noch sehr traditionell verläuft, Gemüse und Obst zur Selbstversorgung angebaut wird, Häuser sich farblich der Umgebung anpassen, Einflüsse der Inkakultur aufrecht erhalten werden und jede Menge Lamas durch die Gegend traben, deren Familienzugehörigkeit zur Gruppe der Kamele nicht zu übersehen ist. Mein Lieblingstier aber wurde der/die/das Vizcacha, eine Ratte, ein Hase, ein Chinchilla… ein in allen Schimmelfarben getunktes possierliches Wollknäuel unbestimmter Art, wahrscheinlich Nagetier. Sehr interessant.

standen da so rum und sollen sehr lecker schmecken





bis dass der...

die Tür ist aus Kaktusholz, die Deckenverkleidung auch, die komplette Kirche wurde ohne Nägel gebaut, zum Festzurren und Befestigen diente getrocknete Lama-Haut, lies: Leder

Inka-Ruine:


auch im Nirgendwo gibt es klare Regeln


Unnötig zu erwähnen, dass das Thermometer mittlerweile wieder auf über 30 Grad geklettert war.

Ein weiterer Ausflug führte zum Salar de Atacama, einem der größten Salzseen der Welt, vier Mal salziger als das Meer, Rest des Urozeans und Heimat von Flamingos, die im Grunde ihres Herzens ziemlich verkitscht sein müssen (angesichts der rosa Farbe hätte ich auch schon eher darauf kommen können), denn die Ortswahl dieser Gesellen lässt Rückschlüsse auf ein Faible für Sonnenuntergänge zu, eine Neigung, die ziemlich ansteckend sein kann. Romantik ist eben doch nicht nur eine Stilrichtung in Literatur und Baukunst. Die Gefahr des Abkippens in Kitsch wird durch den amüsanten Anblick fliegender Stöcke mit Flügeln gebannt.

































unbekanntes Flugobjekt



möglicherweise Flamingos, man weiß es nicht, man munkelt nur...
kriegste nich drauf die Viecher... kannste machen nix, musst de kucken zu
*Sinnlos-Sprücheklopf-Ende*


Nach fast einer Woche Höhe, Trockenheit und Hitze kam man mit dem Eincremen der Haut kaum noch hinterher, Staub, Dreck und Nasenbluten landeten im Taschentuch (sorry, aber ist doch wahr!) … es wurde Zeit, die Klimazone zu wechseln. Und was eignet sich nach dem Aufenthalt in einer Wüste dazu mehr als das Meer? Hat man sich in San Pedro noch kurz gewundert, dass mitten in der Unwirtlichkeit einer Wüste Fisch auf den Speisekarten steht, muss man in Chile bedenken, dass zwischen den Anden und dem Ozean, also der Ost-West-Ausdehnung durchschnittlich 180km liegen. Ein Katzensprung.