Drei Tage vor Bundesstart folgten am 29.9.2008 dem Ruf „Berlin Calling“ jede Menge Interessenten in die Schauburg, um einen Film zu sehen, in dem DJ/Produzent Paul Kalkbrenner einen DJ/Produzenten schauspielert - keine Dokumentation, aber mit offensichtlich authentischen Zügen. Herausgekommen sind 109 Minuten Techno und Werbung für Ableton, wobei der unstrittig mitreißende Soundtrack vom etwaigen Anspruch an Aussage geschickt ablenkt. Vielleicht hätte ich lieber Tanzen gehen sollen, denn für mein Empfinden war das Ganze nicht nur viel zu plakativ, ich vermisste auch das angekündigte präzise gezeichnete Portrait der Mittzwanzigergeneration. Gut, letzteres mag daran liegen, dass ich nicht mehr dazugehöre :))
Nach dem Film standen Hannes Stöhr und Paul Kalkbrenner zum Gespräch bereit, der eine euphorisch und redselig, der andere betont lässig. Regisseur Stöhr wies gleich auf die Kinokassenkonkurrenz mit dem Baader-Meinhof-Komplex hin und warf bei mir damit nicht die erste Frage in Sachen Anspruch auf. Will er einen Kassenschlager, oder den Zusammenhang von Kunst & Wahnsinn darstellen (so was in der Art hat er nämlich auch erwähnt)? Darauf angesprochen, ob der Film eine Aussage hinsichtlich Drogenkonsums treffen will, wurde geantwortet, dass man sich doch wenigstens informieren sollte, was man nimmt/wie es wirkt. Und das trifft exakt den Punkt, an dem ich zwischen Unterhaltung und Aussage hin- und her gerissen bin. Was wirklich drin ist, sagt einem nämlich keiner, der Dealer jedenfalls ganz bestimmt nicht. Und wer untersucht schon seine Drogen im heimischen Chemielabor? Woher weiß man, welche die „böse Pille“ ist?
In „Berlin Calling“ sind alle verpeilt, exzessiv und mit einem trostlosen, nicht anders zu bewältigenden Alltag konfrontiert. Drogen, Feiern und Mythos Berlin – gähn! Ich habe es so satt, dass immer wieder vermittelt wird, dass man nur unter Einnahme irgendwelcher Substanzen lange feiern, lange ausgehen, oder die Musik überhaupt ertragen kann. Jaja, mir ist klar, dass es ein Film ist, überspitzt, keine Dokumentation. Es wird sogar möchtegernsozialkritisch die Generation Praktikum angesprochen, Machenschaften im Musikgeschäft durch die klischeehaften Auftritte eines verkoksten Clubbesitzers und einer hartherzigen Labelchefin betont, eine zugängliche, fast schon coole Psychiaterin kriegt den Kopfhörer aufgesetzt, ansonsten gibt’s viele Drogen und ein bisschen Sex – Ziellosigkeit wohin das Auge blickt, das einzige, was nach vorn geht, ist die Musik. Er nennt sich vielsagend DJ Ickarus und ist schon so hoch geflogen, dass abstürzen wenigstens etwas weh tut. Oder sollen wir ihn bemitleiden, weil er fallen gelassen wird? Weil er keine Verantwortung für sich selbst übernehmen kann? Das traurige der Geschichte: der wahllose und völlig überdimensionierte Konsum von Drogen wird der Lächerlichkeit preisgegeben, so ein Absturz kann, glaubt man dem Film, ziemlich lustig sein und das Beste: in Anstalten kann man auch veranstalten. Die Partycrowd generiert sich dann eben aus den auf unterschiedlichsten Drogen hängengebliebenen Insassen und einem technoaffinen Zivildienstleistenden. Pillen sind auch schon da. Alles klar. Keiner kotzt sich die Seele aus dem Leib, keiner klappt richtig zusammen, keiner zittert unkontrolliert, hat Atemnot, verleiert die Augen – weichgespülter Absturz für Anfänger. Müde ist Ickarus doch nicht nur von seiner Medikation - wird diese richtig eingestellt, ist das scheinbar wichtiger als die Einstellung? Geht es nach dem Film, sind wir (Achtung, auch überspitzt) eine Generation ziellos Getriebener, die sich nicht mehr ausdrücken und nur mit Hilfe von Drogen ein Surrogat vom Leben schaffen kann und dabei zur Musik von DJs feiert, die lieber ihre Platten als ihre Frauen streicheln. Romantik heutzutage bedeutet wohl „einsamer, nachdenklicher Mann mit Kopfhörer schaut auf Sonnenuntergang und Stadtsilhouette“ und wird derartig in Szene gesetzt, dass man sich vom Kitsch ablenken lässt und es gar nicht mehr wichtig scheint, worüber eigentlich nachgedacht wird. Ist denn bei lauter Musik gar kein Platz für leise Gedanken? Wenn DJ Ickarus zum Titelsong des Films “sky and sand”* in der Bar25 die Augen schließt, mitsingt und tanzt, sieht das vordergründig glücklich aus. In Luftschlössern und Sandburgen kann man aber nicht leben. Klar, irgendwas wird er aus seinen Psychatrieerlebnissen schon gelernt haben, schließlich schüttet er gegen Ende des Films den Stoff, der sonst in seiner Nase gelandet wäre in ein Wasserglas. In der letzten Einstellung aber hängen „Managerin“ Mathilde, die nicht mal ihr eigenes Leben auf die Reihe kriegt, und Ickarus wieder rast- und kraftlos in Flughafensesseln. Das Ende könnte auch der Anfang sein. Der Beat im Loop. Ach was soll’s, erhobene Zeigefinger sind sowieso nur gut, um anzudeuten, woher der Wind weht – aus La La Land nämlich.
Läuft seit einem dreiviertel Jahr in der Schauburg.
*in the nighttime
when the world is at it's rest
you will find me
in the place I know the best
dancin', shoutin'
flyin' to the moon
(you) don't have to worry
'cause I'll be come back soon
and we build up castles
in the sky and in the sand
design our own world
ain't nobody understand
I found myself alive
in the palm of your hand
as long as we are flyin'
this world ain't got no end
in the daytime
you wil find me by your side
tryin' to do best
an tryin' to make things right
when it all turns wrong
there no fault but mine
but it won't hit hard
'cause you let me shine
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