Sonntag, 11. Mai 2008

28.04.-04.05.2008

Die Mendoza-Verschwörung
Oder
Unpässlichkeiten

Sorry, wieder ziemlich viel Text, obwohl eigentlich nichts passiert ist (was für ne blöde Idee, das jetzt schon zuzugeben)

Zwei Tage La Serena sind mehr als genug, die Entscheidung wie ich denn nun nach Argentinien komme, nahm mir die örtliche Busgesellschaft ab und so ging es mitten in der Nacht nach Santiago, wo ich am Morgen in den Bus nach Mendoza/Argentinien wechseln sollte. Gesagt, getan und ein bisschen zu früh gefreut. Völlig zerknautscht stand ich 7 Uhr in Santiago aufm Busbahnhof, um dort zu erfahren, dass das mit dem Wegfahren eine verfahrene Sache ist, sozusagen nix fährt, da der Pass aufgrund von Schnee und Eis geschlossen ist. Aha, na da ... und nu? Simple: Ticket zurückgeben, andere Backpacker mit dem gleichen Schicksal einsammeln und im nächsten Hostel auf freie Betten und Wetterbesserung hoffen. Der Weg ins Hostel war lustig, im morgendlichen Berufsverkehr ist es im Allgemeinen schon schwierig, in der proppevollen Metro einen Stehplatz zu ergattern, nahezu unmöglich wird es, wenn man noch einen Rucksack in Menschengröße aufgeschnallt hat. Nachdem zwei U-Bahnen aus purer Rücksichtnahme auf geordnete Anzüge ohne uns fuhren, drängelten wir uns gnadenlos in die Menge. Dass man damit nicht zur Völkerverständigung beiträgt, war an den Gesichtern abzulesen, aber schon bei meinem ersten Besuch Anfang Februar (Anfang Februar? - Blick aufs Datum - ungläubiger Blick) in der Stadt stellte ich fest, dass die viel gescholtene Griesgrämigkeit der Deutschen im Vergleich mit Santiagos Einwohnern eine geradezu herzerwärmende Offenheit in sich birgt. Wie war das? - Jeder hat eine zweite Chance verdient. Aber ach, Santiago und ich tun uns schwer miteinander. Es ist und bleibt eine Großstadt, für die ich mich nicht übermäßig begeistern kann. Immerhin sah man diesmal die Anden, jedenfalls mit ein wenig Phantasie.



Beim Warten auf die Metro fiel mir übrigens auf, dass diese hier auf Gummireifen unterwegs ist. Ich habe Physik zwar abgewählt, nehme Formeln als gegeben hin, ohne sie zu kapieren und bin sicherlich auch so nicht unbedingt ein logisch denkender Mensch, aber Gummireifen auf Stahlgleisen und aller hundert Meter Bremsvorgänge ... ich weiß nicht, ich weiß nicht .. Naja, das eigentliche Ziel hieß noch immer Mendoza und es kostete einen halben Tag, den Verkaufsschalter des Busunternehmens zu finden (was ich im zweiten Untergeschoss der U-Bahn aufspürte, warum nur habe ich es dort nicht vermutet?). Frisch gewagt, ist halb gewonnen, auf ging’s. Der folgende Grenzübergang war der Nervigste, den ich je hatte, da können selbst investigative Neuseeländer, die die Ruhe weg haben, noch was lernen. Zunächst steht man klappernd vor Kälte ne geschlagene Stunde in 3000m Höhe, weil man für die (mindestens) fünf Busladungen immerhin einen chilenischen Beamten abgestellt hat. Die kurz dahinter postierten Argentinier, zwei an der Zahl, finden, sie hätten nun wirklich eine Pause verdient und schieben sich gelangweilt und mies gelaunt gegenseitig Verantwortung und Pässe zu. Das kann dauern. Verschmiert der Stempel endlich im Dokument, stellen sich die Grenzgänger brav nebeneinander, weil ein weiterer Beamter „Guck mal, ich kann ohne hinzugucken, meine Hände in Reisetaschen versenken“ spielen will. Nach gefühlten fünf Stunden darf der Bus weiter durch die Anden rollen – und dieses Panorama entschädigt voll und ganz.



















Doch dann Mendoza. Keine Ahnung, warum alle so begeistert sind, man kann Raften, Kajaken, Weingüter besichtigen, Fallschirm springen und Party machen, nix Besonderes also, wie ich schon in den ersten Minuten feststelle. Die viel gepriesene schöne Innenstadt bei lässiger Gemütlichkeit suche ich auch vergebens.



mit der Bitte um Beachtung: das kleine niedliche Vorhängeschloss zur Sicherung links an der Stoßstange







typischer Anblick, Gitter vorm Fenster und Rollade runter, muss ich nicht verstehen, oder?

Das erste Hostel hat trotz ausführlicher Brieffreundschaft zweifacher Bestätigung plötzlich keinen Platz mehr, die Ersatz-Unterkunft wird von ketterauchenden älteren Herrschaften betrieben, deren angebotenes Zimmer an ein Matratzenlager mit frisch versiegeltem Fußboden erinnert. Dem Chemie-Geruch gelingt es, einen in komaähnlichen Schlaf zu versetzen, vernebelt aber zum Glück den Verstand nicht so weit, dass nicht die Suche nach einem neuen Hostel anlaufen kann. Das macht auf den ersten Blick einen netten Eindruck, also abgemacht, morgen ziehe ich um sollte ich die giftigen Dämpfe überleben. Am nächsten Tag zeigen sich die Schattenseiten. Das Vorführzimmer ist nur ein Vorführzimmer, man soll in einem 8-Mann-Zimmer schlafen, so groß wie eine Hundehütte, die hinteren Betten sind nur durch ausgeklügelte Akrobatik oder nach mehrmonatiger Magersucht zu erreichen, es gibt ein Badezimmer/Klo für 30 Leute und ich will nur eins: hier weg. So beginnt innerhalb von 24h die Suche nach dem 4.Hostel. Rekord! Endlich umgezogen und ein wenig glücklicher (man hat ja fast schon keine Ansprüche mehr), startet die Unternehmung Futtersuche. Im ersten Restaurant sind die Tomaten aus, Pasta und Pizza leider nicht im Angebot. Pasta und Pizza machen gute 90% der Speisekarte aus, nach dem Hostelmarathon ist ein Lokalwechsel ein Leichtes. Beim zweiten Versuch ist auf den ersten Blick alles perfekt, flink wird einem die Karte hingelegt, das Essen jedoch, ach... ich wäre fast verhungert. Über eine Stunde später steht lauwarme Nahrung vor mir, die jeglicher Beschreibung spottet, deshalb lasse ich das auch sein. Ich fand die Situation so Scheiße, dass ich das wörtlich nahm und mich den Rest des Tages nicht mehr weit vom Klo entfernte. :) Leider hatten auch im finalen Hostel die sanitären Anlagen einiges zu bieten. In einem Klo lüftete eine Matratze (der Erfolg dieses Versuches darf angezweifelt werden), die zweite Toilette hatte unter anhaltender Trockenheit zu leiden, die dritte ihrer Art machte Geräusche wie ein startender Düsenjet bei gleichzeitiger Staudammöffnung, die vierte und letzte Option (mein persönlicher Favorit) bot das Erlebnis Schnorcheln in der Duschwanne und Kneippen um die Kloschüssel an. Meine Mendoza-Aversion schoss ins Unermessliche. Plötzlich .. ein Plan! Raus aus dem Elend, her mit Illusionen, ab ins Kino. Doch die Wegbeschreibung war ungenau, die Systematik des Busnetzes nicht vorhanden ein Rätsel und so landeten wir nach Ewigkeiten als letzte Passagiere in den Vororten der Stadt, überzogen von einer zentimeterdicken Staubschicht, denn in Argentinien heizt man mit offenen Bustüren über unbefestigte Wege. Vermutlich als Training für die Rally Paris-Dakar. Die soll ja nächstes Jahr in Chile stattfinden... oder so. Wenn der richtige Bus einen dann plötzlich über die Autobahn zurück in Richtung Zentrum bringt, der Fahrer zeitgleich ganz dringend bei 80km/h in 8-Punkt-Schrift die Abrechnung machen muss, mindestens zwei Spuren beansprucht und weniger auf die Straße guckt, als die entsetzten Passagiere, dann, ja dann.. denkt man kurz übers Abspringen bei voller Fahrt nach und fügt sich seinem Schicksal. Nach guten zwei Stunden erreichten wir tatsächlich das Kino, verdreckt wie wir waren, wunderte ich mich, dass sie uns beim Vorbeischlendern an Dior, Ralph Lauren und Levis-Läden nicht des Platzes verwiesen. Das flaue Gefühl im Magen bekämpften wir erstmal mit einem halben Rind, was sich in einem Hamburger in Super-Döner-Größe versteckte. Der anschließende Kaffee war zwar hilfreich, aber der Kellner ein Argentinier, d.h. man sollte mindestens eine Stunde vorher ankündigen (am besten noch vor der Bestellung), dass man irgendwann auch eine Rechnung haben will. Und zwar mit Nachdruck. Als endlich alles geregelt war, lief nur noch ein Film und zwar ein ziemlich rührseliges Drama. Passt ja irgendwie. Zurück ging es mit dem Taxi und das ist in Argentinien immer eine gute Entscheidung, kostet doch eine fast halbstündige Fahrt weniger als bei uns ein Ticket für die Öffentlichen. Kurzstrecke!



Hurtigroute: schnell weg hier



da hat wohl jemand Schleife binden geübt





Und dann ging mir ein Licht auf: Ist ein Ortswechsel eine Kapitulation? Egal, ich machte mich auf den Weg nach San Juan.

Schöne Pfingsten!

1 Kommentar:

  1. Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, fliegst du am Donnertag nach Costa Rica. Ich wünsch dir viel Spaß beim schnöden, langweiligen, wahnsinnig biederen Strandurlaub. Der Neid ist mit dir. Obwohl die Temperaturen hier auch um 25°C liegen und es sich im Park auf einer Hängematte auch gut leben lässt. Übrigends: Ich habe noch 4 Tage zu arbeiten... dann ist Elternzeit...:-)
    Björn

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