So, da war ich nun also in Buenos Aires. Angesichts der Lobeshymnen auf die Stadt schaute ich mit großen Erwartungen aus dem Taxifenster vom Flughafen zum Hostel. Hm, dachte ich aber nur, hm... Eine Großstadt. Laut. Die üblichen Probleme. Bettler. Viel Polizei. Hupen. Müllsammler. Nach Mitternacht noch Kleinkinder auf der Straße. Riesige Reklametafeln. Unbeleuchtete









Am Hafen Puerto Madero werden die alten Docks auf hübsch gemacht, hier diniert man, hungrig is(s)t man woanders. Der Rio de la Plata ist eine Dreckbrühe ohne Gleichen, ich konnte keine Anzeichen von Leben in ihm erkennen, glaube aber fest an mindestens dreifach mutierte Piranhas. (Später wurde mir erklärt, dass die Farbe nicht durch Dreck, sondern Sedimente verursacht wird. Ich bin bereit, das zu akzeptieren, weiche von meiner Piranha-These aber nicht ab.)





Der tägliche Regenguss lässt das Internet (und mich) zusammen brechen und während die Erkältung, die ich seit Patagonien mit mir rumschleppe, immer schlimmer wird, sinkt mein Bedarf, die Stadt zu entdecken. Ostern steht vor der Tür, alle Busse, die einen aus der Stadt bringen könnten, sind ausgebucht, das Hostel ist voller resignierter Backpacker, ich drehe ein paar Runden in den unwirklich stillen Straßen der Stadt und kann über die 16spurige Avenida 9 de Julio ohne Ampelschaltung gehen und muss dabei nicht mal hetzen. Hm, komisch. Buenos Aires wirkt wie evakuiert.




Auf dem Friedhof Recoleta, wo Evita Peron beigesetzt ist, folge ich nicht den Touristenströmen, sondern begrabe in der letzten Ecke meine Hoffnung auf baldige Genesung und tröte unentwegt in meinen Konjunkturbeitrag Taschentücher. Beinahe erliege ich einem plötzlichen Herzstillstand, als sich vor mir die Türen einer Grabstätte öffnen und ein Friedhofsmitarbeiter der Putzkolonne herausspaziert. Ostern und Auferstehung. War da was?








Auf dem Plaza de Mayo, direkt vorm rosa Regierungssitz im Zentrum der Stadt, wird noch immer demonstriert, einmal in der Woche treffen sich hier die Mütter der Kinder, die seit der Diktatur vermisst werden, aktuell machen die Bauern ihrem Ärger Luft, irgendwas mit den Soja-Preisen stimmt nicht. In einer gigantisch großen Bank, deren Architektur mit Theaterhäusern konkurrieren könnte, reihen sich Menschenmassen geduldig aneinander, schwatzen, trinken Mate aus Lederumwandelten Thermoskannen, rauchen – yepp, rauchen... in der Bank. So was wie ein Nichtraucherschutzgesetz wäre hier nur Nahrung für die ewig gierige Demonstrationsmentalität. Als Taxifahrer gehört es fast schon zum guten Ton, sich nicht nur beim Vorbeifahren an Kirchen zu bekreuzigen, sondern auch bei jeder dreiminütigen Rotphase eine Zigarette anzustecken, so viel Zeit muss sein.
Mein Hostel befindet sich auf der Rivadavia, benannt nach dem ersten Präsidenten Argentiniens und mit 35km nicht nur eine rund um die Uhr pulsierende Arterie, sondern angeblich auch die längste Stadtstraße der Welt. In den News gibt es ständig Berichte über Autounfälle, angesichts der notdürftig zusammengeschweißten tuckernden Ungetüme wundert mich das nicht. Hupen scheint eben doch nicht immer zu helfen. Blinken? Zuviel Aufwand! Zebrastreifen haben nur in Zoologiebüchern eine Bedeutung, gelten ansonsten als lustige Bemalung der Straßen und Hinweis, wo man mit großer Wahrscheinlichkeit Fußgänger erwischen kann, die sich vor allem in zwei Dingen üben: Geduld und Sprintfähigkeit. Zweiter Aufhänger der Nachrichten sind Ausschreitungen beim Fußball. Meine wahnwitzige Idee, irgendwann ins Stadion zu Boca zu gehen, schlage ich mir aus dem Kopf, als ich die Panik in den Augen Zurückgekehrter sowie Videoaufnahmen sehe – ein wertvolles Beweismittel, denn die Anderen haben zwar noch alle Zähne und funktionstüchtige Knochen, sind aber Kamera und Geld los. La Boca ist einer der ärmeren Stadtbezirke, Fußball ist Religion, Leidenschaft, Lebensinhalt und auf ein Ticket wird gespart. Ich muss nicht unbedingt in fremde Reviere eindringen und gehe stattdessen ins Kino, wo mir spanische Untertitel helfen, den singenden Johnny Depp zu verstehen. Soweit ist es also schon.






Tja, was gibt’s noch zu berichten? Jungs, aufgepasst… hier wird noch mit dem Arsch gewackelt, und wie. Auf abenteuerlich hohen, ziemlich geschmacklosen Schühchen wird gezeigt, was man hat, der Gang ist stolz, das Haupt erhoben, der Blick geradeaus, aber mindestens jede fünfte Nase ist gemacht, es gibt mehr Wespenstichlippen als Wespentaillen und was einem da manchmal so entgegen springt... man man man, nur weil es die im Doppelpack gibt, bedeutet das nicht zwingend, dass gespart wurde.
Die Iguazu Wasserfälle sind ganz in der Nähe, nur schlappe 1200km entfernt, also machen Paul und ich uns auf den Weg ins Dreiländereck. Diesmal nicht Tschechei, Polen, Deutschland, sondern Paraguay, Argentinien, Brasilien.
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