Dienstag, 24. Juli 2007

23.07.2007

Das Geisterhaus

Wer mich kennt, weiß, dass ich Filme mit solchen Titeln kategorisch ablehne, weil sie Grusel versprechen. Und ja, da bin ich Schisser, denn so was gucke ich, wenn überhaupt, nur in Begleitung, hinter vorgehaltener Hand oder einem Kissen hervorlinsend an. Nun ist es aber so, dass sich meine Herberge als Geisterhaus entpuppte: ein altes Haus, viel Holz, an jeder Ecke knarrt es anders, ungewohnte Geräuschkulisse, Bäume im Wind. Hui! Sechs Zimmer, zwei Bäder, Küche, Hinterausgang, Balkon, Garten, aber nur ich und ne Miez. Als ich mir heute Morgen seelenruhig (ja, wirklich, ich hab echt die Ruhe weg hier) mein Nutellabrot schmierte, hörte ich ungewöhnliche Töne. Ich redete mir ein, dass es wohl nur die Katze sei, konnte mir aber nicht erklären, wieso die neuerdings duschen sollte. Also wartete ich mal ab und guckte, was passiert. Einbrecher werden ja wohl kaum reinlich sein, bevor sie zur Tat schreiten. Und dann … Tusch! Trommelwirbel! Tata! … kam doch tatsächlich ein Mitbewohner zum Vorschein. Michael aus Russland, seit fünf Jahren in Deutschland und seit vier Wochen in Kapstadt. Wo er die letzten zwei Tage war, konnte oder wollte er mir allerdings nicht so recht erklären. Er erschrak ziemlich, als er mich so erwartungsvoll in der Küche vorfand. Nach einem kurzen Plausch befanden wir uns gegenseitig für sympathisch und gingen zur Schule. Und die ist ja nun echt mal ne feine Sache. Den Einstufungstest fast schon mit cumma sum laude bestanden, den ganzen Tag Englisch geplappert, Kontakte geknüpft, zahlreichen Deutschen bislang erfolgreich aus dem Weg gegangen, motivierte Lehrer, die einem glaubhaft versichern können, dass man ja so was von toll Englisch spricht und einen Kurs eigentlich gar nicht nötig hätte (Schleimer!) und die, was nicht ganz unwichtig ist, jeden Spaß mitmachen und breit lachend sogar meinen Humor teilen. Mit einem von ihnen beschloss ich spontan, nach Brasilien zu reisen, weil uns erzählt wurde, dass es für ganz wenig Geld ganz viel leckeres Essen gibt. Wir müssen nur noch klären, wer sich das dafür notwendige portugiesische Sprachvermögen aneignet. Heute Abend gibt’s ne Willkommens-Party mit drinks for free für die Einsteiger. Hühnerleiter, sei gewarnt. Ansonsten hab ich mir heute ordentlich den Arsch abgefroren, nach zwei Tagen praller Sonne und 23 Grad, jagte der Nieselregen das Thermometer tagsüber auf rekordverdächtige 10 Grad. Ich will nicht wissen, was die Nacht bringt. Der Kapstädter als solcher trägt in so einem Fall standardmäßig Handschuh, Schal und Mütze und flucht leise vor sich hin, wobei das mit dem Fluchen noch mal überprüft werden muss, hier reden nämlich alle ständig mit sich selbst und zwar wetterunabhängig. Ich hoffe, ich passe mich nicht an. Da lebe ich mein Mitteilungsbedürfnis doch lieber hier aus und ihr seid herzlich eingeladen, zu kommentieren, was das Zeug hält.

2h später/19Uhr: der Wolkenbruch, der am Freitag über London und am Samstag über Sachsen niedergegangen sein muss, hat es sich soeben hier gemütlich eingerichtet, ich bin mir noch nicht sicher, ob ich mein erstes Saufgelage wahrnehmen kann bzw. heute noch in die Nähe des Internets komme, vielleicht schreibe ich also endlich mal den Melt!-Rückblick, der blockiert nämlich auch noch ein paar Gehirnzellen.

22Uhr: Nüscht gibt’s, ich geh heute nicht mehr vor die Tür. Pah! Das wäre ja noch schöner, sich per Luftpost bei der Party vorbeischleudern zu lassen. Es windet heftig und ich suche noch immer eine Heizung. Ein aussichtsloses Unterfangen. Wenigstens ist der Melt!Rückblick fertig.

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