Mittwoch, 25. Juli 2007

24.07.2007 - 2

Walking in my shoes

Damit Ihr Euch ein Bild von meiner Lage machen könnt, gibt’s heute mal ein paar allgemeine Infos. Weil ich ein strebsamer Schüler bin, verlasse ich 08:15 Uhr das Haus,


*Zuhause*


*Bertram Road*


laufe hocherhobenen Hauptes an der ersten Baustelle vorbei, wo circa sieben Bauarbeiter kichernd und „good morning, young lady“ rufend um die beste Sicht raufen, laufe dann eine ziemlich steile Straße runter, von wo aus man das Meer sieht


*die ist wirklich steil*


und biege ein in die Main Road, wo einen permanentes Hupen der Mini-Taxis empfängt. Mini-Taxis sind Kleinbusse, die für wenig Geld durch die ganze Stadt fahren und überall da anhalten, wo du es gern hättest, wenn es sein muss auch auf dem Seitenstreifen eines Highways. Offiziell können 16 Leute transportiert werden, jedoch sieht es so aus, als ob sich hin und wieder viel mehr darin stapeln. Zum geöffneten Fenster hängt immer entweder ein Arm, ein Kopf , der Zipfel einer Klamotte oder eine Tasche heraus, bislang bin ich noch nicht in Versuchung geraten, damit zu fahren, aber das kann sich ändern, zumal man ihnen nicht entkommt, ist doch jedes dritte Auto ein Mini-Taxi.

*Main Road mit Lions Head*


Spätestens an der Main Rd. bin ich jedenfalls wach, auch weil hier ein wenig Argwohn geboten ist, reihen sich doch Adult Entertainment – Stores, homeless people und verdächtig aussehende Tauschgeschäfte aneinander, unterbrochen nur von Restaurants, Waschsalons, Baustellen, Supermärkten, Tankstellen und Hotels. Es ist wahrlich keine schöne Strasse, aber eine sehr lebendige. Aller paar Meter stehen irgendwelche Typen, die in der Gegend rumgucken und nichts anderes tun, als einen anzulabern, komme ich nachmittags dort vorbei, haben sie sich meist nicht einen Meter fortbewegt. Die bekommen natürlich die komplette Breitseite Ignoranz zu spüren und schon bin ich, nach circa sieben Minuten Fußweg, in der Schule. Dort stürze ich mich erstmal auf free coffee and tea (wir sind hier schließlich im roiboos-Land), schmunzel über das eigenwillige Outfit von Mario (Lehrer), Anfang 30, der seine langen Haare nicht gebändigt bekommt und dessen Pullover aussieht, als wäre er im Volkshochschulkurs Stricken für Farbenblinde entstanden, laufe Bruce (stellvertretender Schulleiter), Anfang 30, über den Weg, der seit Montag total zugekifft aussieht, mal dringend ne Rasur nötig hätte und dem ich die ein oder andere Affäre mit Schülerinnen zutraue, denn er scheint immer auf der Pirsch zu sein. Dann begegnet man dem strahlenden Lächeln von Stevin (Schulleiter), Ende 40, der einen dermaßen entspannten, ausgeglichenen und zufriedenen Eindruck macht, dass man fast in Versuchung gerät, Neid zu entwickeln. Mittlerweile ist es 08:30 Uhr, es geht los mit der Laberei und ich ertappe mich dabei, wie ich beginne, die Gesprächsführung zu übernehmen. Ich kann’s nicht lassen. Schlimm. Die Zeit geht irre schnell vorbei, Pausen gibt es genug und nachmittags haben wir Unterricht bei Salim, Mitte 40, das ist der, mit dem ich nach Brasilien fahren wollte, weil uns das Essen lockt. Salim ist ein kugelrunder, sehr gemütlicher Mensch, der das Geseier der Schüler wunderbar moderiert und bei dem mir Vokabeln aus dem Mund purzeln, denen ich bislang keinerlei Beachtung schenkte. Schwuppdiwupp unterhält man sich über die EU, Reisen, zwischenmenschliche Beziehungen und andere komplexe Themen in einem Ausmaß, welches mir so nicht mal in Deutschland immer möglich war, nur bin ich mir nicht sicher, ob es an der Sprache oder dem Gegenüber liegt ;). Salim erzählte mir heute auf dem Gang, dass er vor ein paar Jahren für sechs Monate Reisen wollte, letztlich aber fünf Jahre unterwegs war, haute mir anschließend seine Pranke auf die Schulter, murmelte irgendwas von Respekt und dass er genau wüsste, dass dies das Richtige für mich sei und unterstellte mir nach einem prüfenden Blick in mein Gesicht, dass ich entweder verliebt sei oder glücklich - eine Antwort blieb ich ihm schuldig. Zu meinen Mitschülern noch soviel: da wären ein paar stups- und hochnäsige Niederländerinnen, riesige unüberschaubare saudi-arabische Familienclans, ein sarkastischer in Südafrika lebender Tscheche mit Frau in Norwegen, Mutter in Schweden und Vater in Libyen, das behauptet er zumindest, ein wahnsinnig nerviger Deutscher (circa 50), der aufgrund seines Jobs (Lehrer für Mathe und Physik an Deutschen Schulen Südamerikas) denkt, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben und einer sehr schüchternen brasilianischen Mangagerin unentwegt ihr Land erklären und mich dafür als wandelndes Wörterbuch missbrauchen will, außerdem ein junger Schweizer Fotograf, der mit dem Frachtschiff nach Kapstadt reiste (woraufhin sich eine fixe Idee in meinen Kopf etablierte ;)) sowie eine sehr anhängliche, aufgeregte deutsche Grundschullehrerin Mitte 20, die mit einer Ausdauer Dünnes redet, dass einem ganz schwindelig wird. So eine vom Typ: ich bin jetzt in Afrika, also flechte ich mir bunte Strähnen ins Haar und adoptiere ein schwarzes Kind. Mit dem Rest hatte ich bisher nichts zu tun. Aber es gab noch eine Begegnung, die mir einen gehörigen Schreck einjagte, als ich nämlich aus Gründen der Abfallentsorgung auf eine Mülltonne zusteuerte, einem Meter von ihr entfernt war und der Deckel aufsprang. Mir blieb kurz das Herz stehen, ein Typ kam zum Vorschein, offensichtlich obdachlos. Ich hätte also beinahe ein Zuhause verschmutzt. So ganz normal ist das zwar auch nicht, wurde mir hinterher erzählt, aber durchaus gängig sei die Methode, dass die Armen den Müll durchsuchen, um Plaste, Papier, Metalle etc. auszusortieren, das dann abgeben und Geld dafür bekommen. Auf diese Weise finanzieren die Kapstädter die Obdachlosen und so entstand sozusagen zufällig eine funktionierende Mülltrennung.

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