Ein Sprachkurs tat Not, denn mit Englisch kommt man in Chile nicht besonders weit. Ich wollte nicht in Santiago bleiben und entschied mich für Valparaiso, das ungefähr 120 km nordwestlich von der Hauptstadt entfernt an der Küste liegt, seit 2003 Weltkulturerbe ist und - trotz kleinerer Zwischenfälle - den ersten begeisterten Eindruck zwei Wochen lang aufrechterhalten konnte.
an der Strecke:

Werbung für einen Baumarkt

mmmmmh, lecker Wein gibts auf jeden Fall auch

das Zimmer mit der roten Wand war meins

meine Straße


Garten. Ja, es ist das, wofür ihr es haltet
In Valparaiso wohnen etwa 300 000 Menschen, die Zahl der Lebewesen vervielfacht sich angesichts der Hunde, Katzen und Tauben aber mindestens um das Dreifache. (Es ist ein sehr beruhigendes Gefühl, gegen Tollwut geimpft zu sein :)) Bei meiner statistischen Erhebung habe ich Pflanzen als Lebewesen außen vor gelassen, obwohl diese in den kräftigsten Farben auf sich aufmerksam machen und von mir keineswegs ignoriert werden.



Original - Collage an einer Wand in Valparaiso - sie hat sooo recht
Was dieses Städtchen ausmacht, ist eine Atmosphäre, die man nicht wirklich wiedergeben kann, zumal ich mir sehr sicher bin, dass es Leute gibt, die mit der Stadt absolut gar nichts anfangen können. Es ist schmutzig, Latrinengeruch wabert durch die Luft, das Südamerika-Wirtschaftswunder Chile hat diese Ecke übersehen, es gibt jede Menge Bettler, Obdachlose, Armut und die höchste Arbeitslosenquote des Landes.

Den Kontrast dazu bilden Regierungsgebäude, der Sitz der Chilenischen Flotte und eine abwechslungsreiche Historie. Vor einigen hundert Jahren gingen hier die Seefahrer an Land, da der Hafen die erste bedeutende Station nach dem Umfahren von Kap Hoorn war, heute sind es vor allem Touristen auf Luxuslinern und Frachtschiffe. Salvador Allende und Augusto Pinochet wurden in Valparaiso geboren, mit der Flotte im Hafen begann der Militärputsch von 1973 und zahlreiche Künstler ließen sich von der Stadt inspirieren, denn .. und jetzt erkläre ich etwas ausschweifend, warum ... was Valparaiso sein eigen nennt, ist ein spröder Charme, der durch den andauernden Verfall der Häuser eher dazu gewinnt, weil es sich so gegen die Austauschbarkeit modern geputzter/ spiegelnder/ lebloser Fassaden zur Wehr setzt. Die engen Kopfsteinpflastergassen und unsanierten Fußwege mit metertiefen Fallgruben (uneingezäunt, aber mit etwas Glück von Müll ausgestopft) gefährden zwar die Gesundheit der Laufwerkzeuge eines Hans-Guck-In-Die-Luft wie ich einer bin, lassen sich aber auch sehr viel interessanter bewandern als schnurgerade betonierte Flächen. Die Geräuschkulisse dazu bildet das vollkommen chaotische Treiben am Hafen, das Gurren der Tauben, Kläffen der Hunde, Kreischen der Möwen, Schreien der Händler, Quietschen der altersschwachen Busse, Lachen der Kinder, Hupen der Autos, Surren der Fotoapparate, Getratsche der Chilenen und das Rattern zittriger Aufzüge in die Hügel.

Und die Häuser sind ein Kapitel für sich.
Unfassbar, dass diese Behausungen an den Hängen überhaupt stehen bleiben, die Gesetze der Schwerkraft scheinen ausgehebelt - ineinander gestapelt, aufeinander gebaut, hintereinander Schutz suchend, kämpft Improvisationsgeschick gegen schnöde Regelmäßigkeit. Keines der Häuser gleicht sich in Form und/oder Farbe, was ein planloses Durcheinander ergibt, das nur einem Plan zu folgen scheint: dem Zusammenbruch zu trotzen. In dieses kunterbunte Chaos aus Treppen, Häusern, Gassen, Hügeln, Wänden, Durchgängen, Abkürzungen, Nischen, Rinnen, Stromleitungen baute man vor über hundert Jahren zahlreiche Aufzüge, von denen heute noch 15 scheppernd, krächzend und ein wenig Mitleid erregend den Touristen und Bewohnern der Stadt den steilen Aufstieg in die Cerros erspart. Statt der Anstrengung sich die Straßen hinauf zu kämpfen, steht man nun aber vor der Herausforderung, die Stationen dieser Standseilbahnen überhaupt zu finden, denn der Eingang versteckt sich oft in einem unscheinbaren Hauseingang, an dem man ohne mit der Wimper zu zucken, vorbeiläuft. Ist man auf einem der Hügel angekommen, tut sich zwischen den Häuserzeilen immer wieder der Blick aufs Meer auf, lenkt vom Müll ab, der sich im Rinnstein verheddert und vom Staub, der einem an den Beinen klebt.

Hihi, beim Uploaden kam auf wundersame Weise diese Zusammenstellung aller Auto-Bilder aus Valparaiso zusammen:



Man läuft gemeinsam mit zahllosen streunenden Hunden und verirrten Touristen durch die Gassen, die den Weg aus dem Labyrinth der Durchgänge nicht finden, obwohl es eigentlich ganz einfach ist: alle abwärts führenden Straßen bringen einen ins flache Zentrum der Stadt, zu den Einkaufsmeilen, Bürogebäuden, Banken, zum Hafen, zum Meer. Großartig, dass ich im Gegensatz zu Santiago, wo sich sämtliche Amerikanische Fast Food Ketten flächendeckend ausgebreitet haben, nicht einen einzigen Laden dieser Art in Valparaiso entdecken konnte. Stattdessen gibt es in zahllosen kleinen Verschlägen Empanadas, Hamburger und Completos (Hot Dogs) – was die typisch Chilenische Küche auszumachen scheint, jedenfalls solange Avocado drin ist.
Valparaiso ist eine Stadt, die man jeden Tag neu entdecken kann. Es gibt Treppen wie bei M.C.Escher, die scheinbar ins Nichts führen und meint man, in einer Sackgasse gelandet zu sein, geht es plötzlich über einen engen steilen Fußweg doch noch weiter. Man kann sich hier verlieren und nie dort ankommen, wo man eigentlich hinwollte – oder eben genau das wollen.








Da ich wahrscheinlich immer noch nicht adäquat wiedergeben konnte, was ich eigentlich meine, hier noch ein Zitat von Pablo Neruda, einem der Chilenischen Literatur - Nobelpreisgewinner, der es besser können sollte:
"Wie viele Treppen? Wie viele Treppenstufen? Wie viele Füße auf Stufen? Wie viele Jahrhunderte von Schritten, treppauf, treppab, mit dem Buch, den Tomaten, dem Fisch, den Flaschen, dem Wein? Treppen! Keine Stadt hat sie in ihrer Geschichte so verschwendet und aufgeblättert, hat sie in ihrem Angesicht so ausgestreut und vereint wie Valparaíso. Wenn wir alle Treppen Valparaísos begangen haben, sind wir um die Welt gereist"
Ich bin natürlich NICHT alle Treppen abgelaufen, denn ich bin mit meiner Reise ja noch nicht fertig.




Als ob das alles nicht genug zum Schauen und Staunen wäre, gab es an nahezu jeder Wand witzige, politische, traurige, schöne Stencils ... hier eine kleine Auswahl an Wandgestaltungsmöglichkeiten:


























Der Fischmarkt am Hafen war auch sehr interessant doch eher was für abenteuerlustige Hungrige mit widerstandsfähigen Mägen. Ich entschied mich dagegen, „frischen“ Fisch zu kaufen – weit und breit kein Eis zur Kühlung (draußen waren über 30 Grad), Katzen spazierten auf den Auslagen herum und die Decke (lies: das Dach) fiel einem fast auf den Kopf - und mit ihr der Taubenschiss. Dazu ein penetranter Geruch, den ich nicht beschreiben kann (und will).
Zum Thema Weltkulturerbe vielleicht noch ein Wort: Dresden erfüllt nicht die Auflagen? Valparaiso ganz sicher auch nicht: angeblich sollen seit der Ernennung nämlich alle Stromleitungen unterirdisch verlegt werden. Die Realität sieht anders aus – ein Wirrwarr aus verknoteten, abgeschnittenen Kabeln versperrt den Blick zum Himmel.





Sämtliche Auflagen werden auch beim DIY-Verlegen von Gasleitungen unterwandert, die rostigen Gasbehälter sprechen ihre eigene Sprache. Kein Wunder, dass es in Valparaiso ständig zu durch Gasexplosionen ausgelösten Großbränden kommt, leider fast immer mit Todesopfern. Ich habe noch nie eine Stadt mit so vielen Brandruinen gesehen. Bedenkt man jetzt noch die Bauweise der Häuser aus Holz, Spanplatten etc., das Ganze zerfressen von Termiten sowie die Auswirkungen von Erdbeben auf das Durcheinander von Giebeln, Balken und Wänden unterschiedlicher Höhe, verwundert es nicht, dass die Feuerwehr hier gut zu tun hat und es ungefähr 15 Feuerwehrdepartements gibt, zumindest habe ich so viele gezählt. Die Fahrzeuge stammen vorrangig aus Spenden ausländischer Regierungen, wodurch jedes Feuerdepartement nach diesen Ländern benannt wurde. Bei mir um die Ecke befanden sich die Deutschen und Amerikanischen Bomberos.

Soviel zur Einleitung ;)
Warum war ich hier? Leider nicht zum Durchwandern der Straßen, sondern um Spanisch zu lernen. Ich war die Einzige, die im (Absolute) Beginner-Kurs landete und hatte somit zwei Wochen lang 1:1 Unterricht. Uff!
Erste Lektion – das Personalpronomen. Am Beispiel wenig anschaulich erklärt:
Wer ist das Mädchen mit den Dreadlocks?
Ich nicht. – Du etwa? – Nein, ich meine Sie! – Wen? Uns? – Hä? Euch? Nein, das Mädchen da drüben. – Ach, sie!
Ich habe mal irgendwo gelesen, dass die Benutzung von Pronomen Gehirnressourcen spart, weil man sich nicht an jeden Namen erinnern muss. In diesem Fall musste ich diese Theorie leider widerlegen. Das Chaos war perfekt, denn am Ende stellte sich heraus, dass die tatsächlich MICH meinten. Ein irritierter Blick in den Spiegel bestätigte aber nur meine Vermutung ... die haben keine Ahnung und ich keine Dreadlocks!
Wenn man mit Spanisch-Grundkenntnissen anreist, die über Papa Asado und uno-dos-tres-cuatro cerveza(s) por favor nicht hinausgehen, würde man zwar weder verhungern, noch verdursten (und wahrscheinlich ist nach vier Bier bei mir die Sprache sowieso egal), aber auch ein sehr eintöniges Leben führen. Nach zwei Wochen konnte ich deklinieren wie ein Weltmeister und hatte meinen Wortschatz auf Fibelniveau gehievt. Insgesamt finde ich, ist das ist ein respektables Ergebnis, vor allem weil ich Konjugation und Konjunktion gern verwechsele, Affix, Suffix und Präfix lange Zeit für Comic-Figuren hielt und mein Leben mag vielleicht manchmal passiv, manchmal aktiv, manchmal sogar Superlativ sein, aber meine Grammatik, ich weiß nicht recht ... vor allem nicht auf Spanisch.
Nachtrag zum Thema Treppen: Im Gebäude der Sprachschule wies ein Schild darauf hin, dass aufgrund des Vorhandenseins von Treppen keine Verantwortung für Unfälle übernommen wird, die in den Aufzügen geschehen. Aha, soso, na da lauf ich doch lieber in den sechsten Stock ...

Blick aus dem Klassenzimmer

mein Lieblingsgebäude - man beachte die sehr einfallsreiche Verbindung von Denkmalschutz und Modernisierung
Ja und sonst so? Nun, da gab es zum Beispiel einen Vorfall, der mich Garbage’s "I Think I'm Paranoid" summen ließ – und das kam so: Einen schönen, sonnigen, nachmittäglichen Samstag lang spazierte ich mal wieder durch die Gassen der Stadt, als ich plötzlich in meiner Fortbewegung durch einen Ruck gebremst wurde. Nanu, dachte ich, Irgendwo hängen geblieben? Magnetismus? Im plötzlich erhärteten Beton/Teer stecken geblieben? Versuchter Raubüberfall? Leider war es letzteres. Ein Halbstarker (leider hat Alter nicht unbedingt etwas mit Größe zu tun, vor allem dann nicht, wenn man mich angreift) attackierte mich hinterrücks, zwei seiner Kumpanen standen an der Seite und ich entschied mich angesichts der Situation, vorerst an meinen Habseligkeiten festzuhalten, anstatt sie kampflos zu überlassen (was ich natürlich getan hätte, hätten die anderen eingegriffen, ich neige schließlich nicht zur Selbstüberschätzung :)), zumal ich das Buch in der Tasche noch nicht zu Ende gelesen hatte und unbedingt wissen wollte, wie es ausgeht. So zerrten wir also ein paar Sekunden am Objekt der Begierde, er kickte und schlug dazu noch ein wenig um sich, was im Endeffekt dazu führte, dass er einen kurzen Moment lang aus Versehen losließ, ich meine Tasche behalten konnte und ein paar Souvenirs reicher war. Ein Hämatom ist ein Blutaustritt aus verletzten Blutgefäßen ins Körpergewebe, sagt Wikipedia und ich als Freund theatralischer Fabulierkunst finde es natürlich toll, wie man blaue Flecke noch ein bisschen dramatisieren kann. Hey, es war wirklich nur ein blauer Fleck. Okay, es waren vier. Und ein paar Kratzer. Aber nach dem ersten Schreck lebe ich wieder vergnügt, bin noch im Besitz meiner Kamera und des Buches – und das ist doch die Hauptsache. Bemüht man jetzt noch die Wahrscheinlichkeitsrechnung, dürften sich Attacken auf meine Besitztümer eigentlich erledigt haben.
Dass ich doch nicht so paranoid bin, wie ich fast schon fürchtete, erfuhr ich von meinem Lehrer, als wir uns in der zweiten Woche zum Mittag etwas zum Essen besorgten und deshalb durch die Stadt schlenderten. Nach einer halben Stunde fragte er mich, ob ich eigentlich mitbekäme, dass mich alle anschauen. Das war mir natürlich schon aufgefallen, weil einen die Männer ständig mit den üblichen Sprüchen zutexten und sich selbst von mittlerweile perfektionierter Ignoranz nicht so schnell abschrecken lassen. Wer also behauptet, Chilenen seien zurückhaltend, täuscht sich. Und zwar gewaltig. Die Frauen schauen auch, wirken dabei aber eher ablehnend. Keine Ahnung, ob ich mich daran noch gewöhne, angenehm ist es jedenfalls nicht.
Ansonsten war eine große Schlagzeile, die es auch in die internationalen Nachrichten schaffte, dass Chile gerade mit der schlimmsten Trockenheit seit 50 Jahren zu kämpfen hat. In mehreren Bezirken wurde der Notstand ausgerufen, weil die mangelnde Wasserversorgung nicht nur Ernteerträge, sondern auch die Stromversorgung gefährdet, da Chiles Energiebedarf zu 60 Prozent aus Wasserkraft gedeckt wird. Ich bin ja nun wirklich kein Experte der (Energie)Wirtschaft, aber ich weiß schon, das Ressourcen bewusst eingesetzt werden sollten, egal ob nun Geld, Wasser oder Nutella. Da ich aus einem Land stamme, welches den grünen Aspekt von den Wiesen in die Politik und wenigstens einen kleinen Anteil der Bevölkerung verpflanzt hat, empfehle ich den Chilenen daher klugscheißernd sämtliche tropfenden Wasserhähne zu reparieren (also alle), der Wasserknappheit damit zu begegnen, nicht rund um die Uhr klitzekleine Grünflächen zu bewässern sowie TV/Stereoanlage/Computer/Licht auszuschalten, wenn sie das Haus verlassen und nicht alles auf Anschlag weiterlaufen zu lassen - dann hören die Stromschwankungen vielleicht auch von alleine auf. Da sich die Musikanlagen im rekordverdächtigen Dezibelbereich abmühen, das, was da aus ihnen rausscheppert, wie Musik klingen zu lassen, kann durch einen einfachen Trick ökonomischer gestaltet werden - Mein Plädoyer: Eine Anlage für die gesamte Nachbarschaft, die hören hier nämlich eh alle das Gleiche. Woher ich das weiß? Kombiniere Lautstärke, offene Fenster und die immergleiche CD und man hört die Chilenischen Charts populärer Musik in einem etwas nervigen Kanon. Umweltschutz ist auch ein Fremdwort. Plastebeutel sind die neue chilenische Pest und Müllentsorgung leichtgemacht bedeutet hier nichts anderes als Entsorgung hinterm/vorm/aufm Haus. Fertig.

Manchmal aber auch so
So, wer bis hierher durchgehalten hat, bekommt von mir Szenenapplaus! Aber hey, es ist die Abhandlung von zwei Wochen – jedenfalls in Ansätzen. ;) Und schon bald geht’s weiter. Das ist eine Drohung.
Ein prima Update! :) Und ich sehe, dass ich ne Menge verpasse, Mann Mann.
AntwortenLöschenDie Stencils sind ja fetzig. Da kannste ein Suchspiel draus machen: wer kann alle zuordnen? Ich glaube, ich hab da unter anderem Clockwork Orange, James Brown in jungen Jahren und Leon, der Profi ausgemacht. Denk ich zumindest! :)
Ach ja, und die Abrafaxe hießen doch eigentlich Abrax, Brabax und Califax - oder? ;) Aber Affix, Suffix und Präfix klingt ja fast genauso, hahaha!