Eine Zugfahrt, die ist lustig, eine Zugfahrt, die ist schön ... Reisen auf dem Schienenweg in Australien bietet ein komplettes Unterhaltungsprogramm. Nicht nur, dass der Zugführer detaillierte Ansagen über Baumaßnahmen kundtut, sekundengenaue Verspätungsangaben macht, Aufholtaktiken preisgibt, besondere Begrüßungen für manche Passagiere auf Lager hat, Aussteigende freundlich daran erinnert, dass an diesem Stopp eine besonders breite Lücke zwischen Bahnsteig und Trittbrett zu erwarten ist, nein, er mahnt auch, die Toilettentüren doch bitte von innen zu verschließen - ich weiß nicht, ob das eine List war, die Passagiere und sich selbst für die Nachtfahrt zwischen Melbourne und Sydney wach zu halten, aber ich weiß jetzt, dass die Redewendung „wie gerädert aufwachen“ ihre Berechtigung hat. Beim Grübeln darüber, was „wie man sich bettet, so liegt man“ eigentlich für eine bescheuerte Weisheit ist, bin ich allerdings zu keinem abschließenden Resultat gekommen. Die junge Asiatin hinter mir fragte mich pausenlos, ob ich ein Foto von ihr machen könnte, natürlich kam ich dem gern nach und bekam zum Dank ein Ei dafür angeboten. Ich lehnte ab, amüsiere mich aber immer noch darüber. Als es Nacht und der Zug voller wurde, breitete ich mich eiskalt auf dem freien Sitz neben mir aus, schockgefroren durch die Klimaanlage mit der Einstellung auf Südpol. Bibber. Der Schaffner fragte mich drei Mal, woher ich käme und wohin ich ginge


Darling Harbour im Detail:






irgendwo in der Stadt:








Oper:





Es gab jede Menge Veranstaltungen, im Darling Harbour zum Beispiel ein Feuerwerk, was Annett mit „Das ist wie vom Polenmarkt“ passend kommentierte.

Vielleicht standen wir auch blöd, aber der Bringer war es wirklich nicht. Vielleicht waren wir auch nur zu kaputt vom vielen Rumgelatsche. 18km in FlipFlops auf Asphalt kann ich jedenfalls niemandem empfehlen.
Für mich stand noch der Bridge Climb an, doch vorher hieß es, die Harbour Bridge von allen Seiten zu begutachten. Wir liefen und fuhren rüber & nüber, kletterten in einem Pfeiler zum Ausguck, schauten auch aus der Entfernung zu ihr und stellten mit Respekt fest: die ist ganz schön hoch und hat ganz schön viele Gitter, durch die man auf die Fahrspuren oder Wasser gucken kann. Auf dem Pylon Lookout rief ein Knirps bestürzt „There are people climbing up the Harbour Bridge, what are they doing there?“, ich dachte nur “DAS frage ich mich auch” und Annett meinte ein wenig ehrfürchtig, dass sie da nicht unbedingt drüber klettern müsse.





Doch später ...

... eröffnete sie mir freudestrahlend, dass sie es doch wagen will und das Schicksal nahm seinen Lauf. Wir buchten unsere Klettertour und verbrachten den Rest des Tages damit, uns an den Gedanken zu gewöhnen und abends selber Muscheln zuzubereiten. Nach mehrfachem Absichern, wann man denn nun geschlossene und wann offene Muscheln entsorgen sollte, wurden gute anderthalb Kilo der Meeresbewohner in stundenlanger Friemelei geputzt und anschließend zum Tode verurteilt. Die Rache ließ nicht lange auf sich warten – am Ende blieben uns aus der Menge der „schlüpfrigen Scheißerchen“ jeweils ungefähr fünf Exemplare, die ganz sicher als genießbar galten, der Rest wurde aufgrund der Unlust auf Lebensmittelvergiftung entsorgt. Ich beschloss, nie wieder Muscheln in den Menüplan aufzunehmen, jedenfalls nicht, wenn ich sie selbst zubereiten muss.


Wir überstanden trotz erheblicher Zweifel und kleiner hypochondrischer Anfälle die Nacht ohne Komplikationen und machten uns am Morgen auf den Weg, die Brücke zu erklimmen. Ein paar Stunden vorher hatte ich noch mit Schrecken feststellen müssen, dass mein Flug nach Neuseeland überraschende dreieinhalb Stunden eher geht als bislang angenommen und das Ding mit der Brücke und der Pünktlichkeit am Gate ein verdammt knappes Ding werden könnte. Um diese kleine Organisationspanne wieder auszugleichen, kaufte ich mir also schon das Ticket zum Flughafen und stellte meinen kompletten Krempel im Office vom Bridge Climb unter. Und dann ging’s los.

Die Tür öffnete sich und es stellte sich heraus: Annett und ich sind die Einzigen. Nicht nur die Mitarbeiter wunderten sich, sondern auch wir. Nach Promilletest, Ausfüllen von Fragebogen, dem Überwerfen der Teletubbi- Anzüge, der Frage, ob ich mein Melt!Bändchen anbehalten darf (ja, ich durfte :)) und Metalldetektor-Kontrolle empfing uns Brett, der Guide für unsere Tour. Ein lustiger Bursche, der uns durch die Instruktionen jagte, wodurch wir schon ein paar Gruppen überholten. Schnell war nämlich auch die Frage geklärt, wie viele Leute täglich auf diesem Weg über die Brücke laufen: 700 bis 800. Kein Wunder, dass mittlerweile gute anderthalb Millionen Menschen ein schickes Zertifikat in den Händen halten, was meinen Spartakiade-Urkunden von anno dazumal an Glanz und Gloria in nichts nachsteht. Brett mochte uns und wir mochten Brett, er fand unsere Witze lustig und wollte uns einen Wal im Hafenbecken organisieren. Das klappte dann leider doch nicht. Die anderen Touren, die uns von der anderen Brückenseite zuwinkten, deuteten unserem Guide an, dass sie neidisch sind, denn bei denen bestimmten acht bis zehn Teilnehmer das Tempo. Wir aber konnten uns auch einfach mal niederlassen, pausierten bei besten Wetter mit Blick auf Oper und CBD, quatschten über alles Mögliche und kletterten dann gemütlich weiter durch diese Konstruktion aus Treppen, Engpässen, Stolperfallen, doppelten Türen und spitzen Winkeln. Auf allen Wegen ist man durch flexible Gurte gesichert, die einem ein bißchen das Gefühl vermitteln, dass man Gassi geführt wird und unserem Guide mussten wir einmal durch weibliche Logik weiterhelfen, als er auf dem Scheitelpunkt nicht wusste, wie er um eine Ecke kommen soll - so ähnlich wie bei diesen Geduldsspielen, die aus ineinander verhakten Metallteilen bestehen. Brett musste auftragsmäßig ständig Fotos machen, die wir am Ende nicht kauften, weil sie zu überteuerten Preisen auf billigem Papier in schlechter Qualität ausgedruckt werden. Leider ist es aus Sicherheitsgründen nämlich nicht erlaubt, die eigene Kamera mitzunehmen, so bleiben uns nur die Bilder im Kopf, das tolle Zertifikat und ein Gruppenfoto, auf dem logischerweise nur Annett und ich drauf sind, wodurch der privilegierte Status unserer Tour nun auch von der Mitarbeiterin an der Fototheke bestätigt wurde. Was ich am ersten Tag in Sydney vor vier Monaten geschenkt bekam, fand an meinem letzten Tag in der Stadt endlich seine Umsetzung. Das ist doch mal eine (halb)runde Sache. Vielen Dank an Alle, die sich an diesem Geschenk beteiligt haben, ich hoffe, ihr erwartet jetzt nicht, dass ich das Blaue Wunder nur noch über die Stahlträgerkonstruktion überquere. Und nein, auch die Feldschlösschenbrücke (Urheber dieser Schöpfung der Redaktion bekannt) werde ich, wenn überhaupt, nur auf herkömmlichen Wege passieren :)
Und dann musste ich schnell los ... zum Flughafen.
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