Dienstag, 24. Juli 2007

20.07./21.07.2007

Wer hat an der Uhr gedreht?


Nachdem ich in meiner letzten Nacht das Schlafpensum der vergangenen drei Wochen von durchschnittlich vier Stunden heroisch unterbot, wachte ich pünktlich halb sechs auf, um festzustellen, dass ich über Nacht zu Testzwecken von der Klebstoffindustrie missbraucht worden war. Meine Augenlider trotzten Lichteinfall und Tauchgängen. Irgendwie schaffte ich es zum Neustädter Bahnhof, aber der Blick in (über)müde(te) Gesichter war nicht sonderlich motivierend. Szenenapplaus bekommt G von mir, der es fertig bekam, sieben Uhr auf dem Bahnhof zu erscheinen, um mir jede Menge gute Wünsche mit auf den Weg zu geben. Wenig später gab sich Jürgen „Nuschel“ Schmidt (Name von der Red. geändert) als Zugführer zu erkennen (ein wenig bange war mir ja angesichts der gescheiterten Tarifverhandlungen schon) und erklärte freudig, ja sogar multilingual (*hust), dass wir uns über Elsterwerdaaaa auf den Weg nach Berlin machen. So beschwingt wie der Mann Elsterwerda aussprach, muss er eine Geliebte da haben. Ab ebenjenem EW gab es Funklöcher noch und nöcher, dennoch gilt mein Dank jedem Anrufer & Smser!!!


*viel zu früh am Morgen*



Zwischendurch konnte die Klebstoffindustrie weitere Erfolge verbuchen, auch weil ich jeden Widerstand gegen das Einschlafen aufgab. Mir gegenüber saß ein Typ, der ziemlich offensichtlich Gesandter von Tesa, Pritt und Uhu war, sein Studienobjekt (mich) im Rahmen einer teilnehmenden Beobachtung akribisch überwachte und dabei versuchte, sich hinter einem Buch mit Prüfungsfragen zur Sporthochseefischerei zu verbergen. Das mit der Hochseefischerei könnte auch den wasserunlöslichen Kitt zwischen meinen Augenlidern erklären und wirft zwar die Frage auf, wem oder wobei es von Nutzen sein könnte, dass man auf See die Augen zumacht, aber darüber denke ich später vielleicht mal nach. Oder auch nicht. Am Berliner Hauptbahnhof fielen mir erstmal lose Betonpfeiler zahlreiche Dinge ein, die ich vergessen hatte, zu erledigen. In Gedanken versunken, hechtete ich zum Bus mit dem Schlagwort TXL. Nach ein paar Minuten kam es mir dann doch komisch vor, dass die Fahrt zum Airport eine Stadtbesichtigung beinhalten sollte. Ich sah Regierungsviertel, Unter den Linden und kam nicht nur dem Alexanderplatz, sondern auch dem Busfahrer näher, der mir mit den Worten „Dat hamse jut erkannt, Froileinchen“ bestätigte, dass ich auf der falschen Fährte sei. Also wartete ich in anderer Fahrtrichtung auf den TXL, freute mich, dass mein innerer Freund Kompasskalle bei mir war, zwar mit leicht verzögerter Reaktion, dennoch brauchbar und gelobte, zukünftig auch das Kleingedruckte hinter TXL zu lesen. Irgendwann saß ich schließlich im Flieger, aber kaum hatte ich es mir gemütlich gemacht, wurde uns mitgeteilt, dass es in Heathrow regnet (na und?), ja sogar stürmt (ach so), und zwar so arg, dass der Flughafen nicht angeflogen werden kann (oooorrr neee). Es folgten fünfzig Minuten sinnloses Abhängen, nicht gerade leicht, wenn man neben einer Tussi sitzt, wohnhaft in Denver, die sich permanent unterhalten will und wirklich Jeden im Umkreis von drei Sitzreihen volltextete. Irgendwann doch noch gestartet, mit Karacho eine Herde Schäfchenwolken aufgewirbelt, dann mal fix so circa 700km verpennt, anschließend von ständiger Schräglage aufgewacht: flying circles über London mit fantastischen Aussichten. Vor lauter Freude die Stadt mal wieder zu sehen, hab ich ganz vergessen, Fotos zu machen. In London gab es dann Security Checks par excellence, was natürlich nicht nur aufhält, sondern auch peinlich werden kann, wenn beim obligatorischen Schuhe ausziehen die adrettesten Damen und die vornehmsten Herren Löcher in der Kleidung oder weiße Tennissocken zum Lackschuh tragen.

*hanging around*


*Heathrow*


Nun sitze ich hier rum, schlage die Zeit mit Essen und Gucken tot und muss mal sehen, ob mein Flieger überhaupt heute noch geht, da so ziemlich alle Flüge gecancelt oder mehrstündig verschoben worden, obwohl hier die Sonne scheint. Die spinnen, die Briten!


Ja, der Flug ging noch, wenn auch mit fast zwei Stunden Verspätung und der Durchsage, dass noch einige Gepäckstücke sowie Crewmitglieder fehlen, na wenn das kein Sicherheitsgefühl entfacht… Außerdem bestätigte sich mal wieder, dass Frauen es richtig machen, vorm Gang zum Bäcker, vor zehnminütigen Straßenbahnfahrten und vor jedem Kinofilm nur „für den Fall der Fälle“ noch mal auf Toilette zu gehen, auch wenn sie eigentlich gar nicht müssen. Im Flieger hielten uns nämlich ausschließlich Männer vom Abflug ab, die aufgereiht und ziemlich verzweifelt von einem Bein auf’s andere tippelten, bis dem Boardpersonal der Geduldsfaden riss und eine entnervte Durchsage kam, ob es denn nicht möglich sei, mal zehn Minuten zu warten, denn wenn die Jungs im Gang rumstehen, könnte der Flieger nicht abheben. Tssss…. Männer! Neben mir saß eine gleichaltrige Südafrikanerin, die sich innerhalb von fünf Minuten einen Gin Tonic und einen Rotwein reinpfiff, sich ansonsten aber unauffällig verhielt. Nach geschmacksneutralem Chicken Curry faltete ich mich so gut es eben ging in meinen Sitz und schlief relativ zügig ein. So vergingen die 11 Stunden wie im Flug. Haha. Der Anflug auf Kapstadt war spektakulär, denn sobald der Flieger unter die Wolkendecke tauchte, hörte der Regen auf und die Sonne gab sich alle Mühe, die Stadt schön auszuleuchten. Am Airport wurde ich so etwa 10:30 Uhr nach ziemlich genau 28 Stunden Gesamtreisezeit in Empfang genommen. Eine ältere Lady in ihrem schrottreifen Zweier-Golf holte mich ab und fuhr in einer Mischung aus Henker und Fahranfänger an den illegal settlements, inbetween areas und million dollar views vorbei, während sie unentwegt redete, mit den Händen wedelte und nach links und rechts guckte, als wäre sie die Touristin. Scharf bremsend warf sie mich vor meiner Unterkunft in Sea Point ab, die mich gleich überzeugte. Das Meer ist ungefähr 5 Minuten zu Fuß entfernt, leider sehe ich es nicht, aber die Möwen flattern umher. Mein Zimmer besticht durch Holzmöbel, Blick in den Garten, Geräumigkeit und eigenes Bad.

*Zimmer mit Aussicht*

* es kann angegrillt werden*

*anderthalb Tage unterwegs - mir doch egal, was ihr denkt ;)*

Wohnzimmer und Küche sind im Basement untergebracht, mit den oberen Wohnräumen verbunden über eine schmale Hühnerleiter, bei deren Anblick ich mich noch frage, wann ich sie das erste Mal betrunken, müde oder einfach nur zum Spaß im Doppelten Rittberger runterstürze. Meine erste Amtshandlung war das auf der ersten Weltreise bereits ritualisierte Ausspähen des nächsten Supermarktes (womit ich herzliche Grüße an Marleen sende - am Cookies Regal kann ich noch vollkommen gleichgültig vorbeigehen ;)). Die Witterung hatte ich schnell aufgenommen, ich versorgte mich mit Basics und stellte fest, dass die Preise den deutschen ziemlich ähneln. Anschließend trug ich Kaffeetasse und Nutellabrot zu Besichtigungszwecken durch das Haus, sah am Gartentor ein „Beware Of The Dog“ – Schild, lief bisher aber nur einer ungefährlich wirkenden Katze über den Weg, die sich eventuellen Räubern vermutlich eher rollig in den Weg legt, als ihnen tollwütig zu begegnen.


*Beware of the cat*


Mitbewohner konnte ich übrigens noch keine auftreiben. Uff, soviel erstmal für die ersten zwei Tage ;) Ich muss jetzt ans Meer, die Sonne scheint, ich strahle.

3 Kommentare:

  1. Haha, da ist ja noch das MELT-Bändchen ums Ärmchen! Aber ob's das ganze Jahr überstehen wird? ;)

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  2. ironraver!!
    gerade von der meltafterhour zurück.-)

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  3. You're an adventurer
    And though I'll surely miss you
    And of course I'll survive without you and maybe good will come of that
    But at this point I anticipate some grieving
    And although I know your leaving
    Is a necessary adjunct to what we both do
    [...]
    None who meet you do forget you
    My adventurer, my adventurer ...
    My adventuress

    Lou Reed - Adventurer

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