Mittwoch, 22. Juli 2009

18.08.2008 Sigur Ros im Alten Schlachthof

Sigur Ros spielen im ausverkauften Alten Schlachthof, der Weg zum Eingang ist von traurigen Menschen auf der Suche nach einer Karte gesäumt. 35 Euro sind zu berappen, das kommt einem im ersten Moment ganz schön viel vor, aber die Isländer haben in den mehr als zehn Jahren ihres Bestehens ein paar Alben veröffentlicht, die auch nach unzähligem Hören einfach nicht langweilen wollen und rechtfertigen diesen Preis. Also rein ins Getümmel..

Vorband ist ein gewisser Olafur Arnalds, der es mit den ersten Pianoklängen schafft, einen sanft einzulullen. Und das meine ich im positiven Sinne! Der Gang zur Biertheke und Unterhaltungen werden auf später verschoben, um der leisen Mischung aus Klassik und Electronica zu lauschen, die der gerade mal 21jährige einem da ganz unauf- aber eindringlich ans Herz legt, unterstützt von Streichern. Ansagen zwischen den Liedern werden genauso zurückhaltend und sympathisch ans überraschend aufmerksame Publikum gerichtet und mit einem fulminanten letzten Stück verabschiedet er sich fast schon ehrfürchtig. Empfehlung!

Danach dann Sigur Ros, einer der erfolgreichsten Island-Exporte im musikalischen Bereich, immer ein bisschen mysteriös, dramatisch, verträumt und melancholisch, auf dem neuen Album aber auch beinahe euphorisch klingend. Bei „Gobbledigook“ lässt man Konfetti regnen, taucht alles in kunterbunte Lichter, das ist Pop in bester Manier und bewegt das Publikum zum begeisterten Händeklatschen. Der Saal ist hinsichtlich der Temperaturen jetzt nicht mehr weit von der Kernschmelze entfernt, später wird mir erzählt, dass Leute auch umgekippt sind. Ich selbst stehe im letzten Drittel, beschäftige mich nicht mit Rangeleien um Sichtvorteile, genieße den minimalen Luftzug durch die geöffnete Seitentür und gucke mir die Show in Ruhe an. „In Ruhe“ ist sowohl bei Olafur Arnalds, als auch bei Sigur Ros die vielleicht angenehmere Art und Weise zuzuhören, aber das ist neben der (wie gewöhnlich) mittelmäßigen Akustik im Alten Schlachthof auch der einzige Kritikpunkt: im Sitzen wäre das Konzert noch ein bisschen schöner gewesen, obwohl die Isländer vom leisen, getragenen Sound sich live wirklich deutlich entfernen. Gitarre spielt Frontmann Jonsi mit dem Cellobogen, den er, wie wild über die Bühne wirbelnd, zum Schlagzeugstick umfunktioniert und so rabiat seine E-Gitarre bearbeitet, dass sowohl Bogen, als auch Saiten reißen. Die vom begeisterten Publikum erklatschte Zugabe „Untitled #8“ ist live ein Ungeheuer. In diesen etwa 10 Minuten zeigt sich wohl am besten die Mischung aus Sanftheit und Kraft, Weite und Nähe, Naturgewalten und Schönheit – Island ist ein Klischee, das sich nicht daran stört, eins zu sein, weil es sphärisch und irdisch all diese Widersprüche tatsächlich in sich birgt. Wer schon mal da war, weiß vielleicht wovon ich rede. Sigur Ros bedanken sich mehrfach und offensichtlich ebenso zufrieden wie das Publikum nach einem großartigen Konzert.

Takk!

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