So, nun aber… Eine kleine Pechsträhne und genug Zeit in Salta werden zum Auslöser, ein paar Worte über Südamerika zu verlieren. Vorneweg schicke ich vorsichtshalber, dass es hier generell wirklich großartig ist, kulturell spannend, landschaftlich umwerfend, das Wetter herrlich, Essen lecker und Reisen eigentlich recht einfach – und dass ich nur von Chile und Argentinien reden kann, aber was mir hier richtig auf den Zeiger geht, ist, dass ich mich in meinem Reisen nicht frei fühle. Das hat nicht nur etwas damit zu tun, dass der Lonely Planet längst ein Crowded Planet ist und der Tourismus selbst im kleinsten Bergdorf Einzug gehalten hat. Ich meine, welchem „geheimnisvollen Ort abseits der Touristenwege“ soll man denn bitteschön noch Geheimnisse entlocken, wenn man diese Parole auf jeder Website, jeder Broschüre und in jedem bekannten Reiseführer findet?! Natürlich ist es nett, wenn man alle paar Wochen bekannte Gesichter wieder trifft, aber eine individuelle Route bereist man dann wohl schon lange nicht mehr. Allein unterwegs zu sein, hat den Vorteil, dass man selber entscheidet, wann es wohin geht, wie lange man da bleiben will, was man sich anschaut. Im Hostel Verwunderung zu ernten, dass man nicht den berühmten Track gelaufen ist, (bisher :)) nicht Skydiven war, oder ein mit dem Ausdruck puren Entsetzens vorgetragenes „WAAAAAAAS, du warst nicht in XYZ?“ – das alles kann ich mit einem ziemlich entspannten Abwinken abtun. Irgendwo zu sitzen und die Menschen zu beobachten, ohne Stadtplan durch Straßen zu laufen und selber zu beurteilen, was man sehenswürdig findet, ist in meinen Augen spannender, als mit einem Jetboat übers Wasser zu jagen, oder nachts die Akustik in Diskotheken und das Angebot an Flirtpartnern zu überprüfen. Leider bin ich aber durch das Alleinreisen auch gezwungen, die halbwegs sicheren Gebiete anzusteuern. Wenn man selbst in Großstädten permanent angestarrt wird, kann man sich ausmalen, wie es ist, wenn man Orte betritt, an denen Gringos nicht so häufig vorbeischauen. Ich kann mit verbalen Avancen leben, wenn sie nicht permanent in Aggression umschlagen würden, oder Berührungen zur Folge haben. In den letzten zwei Monaten haben mich ständig wildfremde Kerle betatscht - bei allem Verständnis für traditionelles Machogehabe – Finger weg! Wenn einem die Typen dann noch minutenlang hinterherlaufen, beginnt man im Zickzack zu gehen und sich am Ende irgendwohin zu flüchten. Aber Moment mal… ich bin doch auf Reisen und nicht auf der Flucht. Es kann auch nicht die Lösung sein, mir einen männlichen Mitreisenden suchen zu müssen. Oft wird empfohlen, mit dem Taxi zu fahren - aber doch bitte nicht mit irgendeinem! Zu viele schwarze Schafe tummeln sich und in Buenos Aires durfte ich persönlich erleben, wie ein langsam anrollendes Taxi minutenlang auf höchst suspekte Weise versuchte, mich und zwar nur mich, als Passagier zu gewinnen. Brauche ich also auch für Taxifahrten einen Begleiter? Muss man wirklich zu zweit unterwegs sein, um halbwegs gefahrenfrei zu reisen? Aber verbringt man denn mit JEDEM seinen Urlaub? Nein! Also… Mein Bedürfnis, sicher zu reisen, kollidiert mit meiner Abneigung, für andere Kompasskalle, Schutzengel, Organisationsbüro und Reiseführer zu sein, das könnte ich mir schließlich auch bezahlen lassen. Bisher haben mich Bauchgefühl und gesunder Menschenverstand vor richtig schlimmen Dingen bewahrt, ich fiel nicht auf Abzocke rein, blieb von den üblichen Reisekrankheiten verschont und nach fast neun Monaten wird es wohl irgendwie auch einfach Zeit, dass man Dinge einbüßt. Die Kehrseite ist, dass ich seit zwei Monaten Südamerika immer irgendwie angespannt bin – und dies mein Rumtouren hier wirklich vermiest. Ich kann nicht einfach an einem Fluss sitzen, am Strand liegen, auf einer Parkbank lesen - spätestens nach fünf Minuten wird man entweder in ein Gespräch verwickelt, angegraben, oder der Versuch unternommen, mir irgendein unnützes Teil anzudrehen – einhergehend mit Berührungen. Monatelang praktizierte Ignoranz zahlt sich nur bedingt aus: ist der eine endlich verschwunden, versucht es eben der nächste. Ich laufe seit Wochen mit gesenktem Blick durch die Gegend, um Sprüche über meine Augenfarbe zu vermeiden, blöd nur, dass ich eigentlich dazu neige, meinen Kopf immerzu in Bewegung zu halten, um auch ja alles oder wenigstens möglichst viel wahrzunehmen. Diese nervigen Umstände haben meine Pläne hier rumzureisen, nicht nur in Sachen Transportmittel und Route geändert, sondern mich auch zu einem dieser Traveller werden lassen, der immer touristischer unterwegs ist, oder noch schlimmer: zu jemandem, der tatsächlich überlegt, ob ich mich nicht einfach für längere Zeit in halbwegs sichere Gefilde zurück ziehe. Tja und über diese Gedanken bin ich mehr als unglücklich. Denn sie haben nicht im Geringsten etwas mit Desinteresse oder Paranoia zu tun, sondern unterwerfen sich einfach meinem noch nicht einmal besonders stark ausgeprägtem Bedürfnis nach Sicherheit. Ich will diese Zeilen auf keinen Fall falsch verstanden wissen, mir geht’s ja gut, die Sonne lacht und ich auch, meistens jedenfalls, aber so wirklich entspannt ist es eben auch nicht. Neben all den Ärgernissen kam nun ganz aktuell noch hinzu, dass für Bolivien eine Gelbfieberimpfung obligatorisch ist. Schade, ausgerechnet die habe ich nicht und ich bezweifel, dass so eine Mücke die offiziellen WHO-Grenzen des Gelbfieber-Verbreitungsgebietes anerkennt und scharf abbremst, sobald sie diesen näher kommt, denn die Gebiete, die ich bereisen wollte, liegen ganz knapp ausserhalb dieser Karte. Die Überlegung, mir eine entsprechende Spritze hier in Argentinien setzen zu lassen, habe ich angesichts der Blicke in Wartezimmer ganz schnell wieder fallen lassen. Gelbfieber bekomme ich dann vielleicht nicht, wahrscheinlich aber was anderes. Außerdem hat mein Immunsystem in den letzten Wochen sowieso ziemlich geschwächelt … also gab es eine Planänderung, statt nach Bolivien und Peru zu reisen, werde ich mich den nächsten Monat noch in Chile und Argentinien rumtreiben. Die paar Reisebekanntschaften, mit denen man noch in Kontakt steht, schreiben gar furchterregende Berichte aus Bolivien - entweder saßen sie tagelang aufm Pott, oder sind ihre Habseligkeiten los. Hab ich darauf Lust? Nö! Hm, angesichts des Kameradiebstahls und dem Verlust von 50% meiner Klamotten, den bösen Blicken und nervigen Männern in Chile/Argentinien ist es nicht unbedingt eine schlüssige Argumentation nun in diesen Ländern zu bleiben, aber herrje, wenigstens bin ich konsequent und verbringe jeweils mindestens einen Monat in den Ländern, die ich bereise und presche nicht durch Passkontrollen, nur um mir den Stempel des 38. Landes in 6 Monaten verabreichen zu lassen. Vielleicht bekomme ich dadurch mehr Einblick in die Gepflogenheiten der Länder, vielleicht ist meine Wahrnehmung noch immer ein wenig von Klischeedenken überlagert, vielleicht aber entstehen Klischees eben nicht ganz unbegründet. Ach so, eins noch: Argentinien ist großartig. Wirklich! Ich wollte nur mal ein bisschen nörgeln, ich bin schließlich ein Mädchen. Klischees lauern überall.
- Bankangelegenheiten: Touristen können in Argentinien derzeit nur 320 Peso = ca. 64 Euro abheben. Das ist eine kürzlich getroffene Entscheidung der hiesigen Zentralbank. Der Witz (über den ich allerdings nicht lachen kann) daran ist, dass es möglich ist, diesen Betrag mehrfach hintereinander abzuheben – die entsprechenden Gebühren zahlt man natürlich ebenso oft. Erschwerend kommt hinzu, dass man hier kaum ein Hostel, Busticket… mit Karte zahlen kann, d.h. aller paar Tage zum Automaten rennt. Argh!
- Versicherungsfälle: wahrscheinlich bekomme ich meine gestohlene Kamera nicht erstattet, denn dazu müsste sie laut Versicherungsangestellter entweder durch Einbruch abhanden gekommen sein, oder gewaltsam entwendet werden. Da ich keine Finca in Argentinien besitze, aber auch kein Messer am Hals hatte, werde ich auf den Kosten wohl sitzen bleiben. Naja, wahrscheinlich ist der Kassenzettel sowieso verschwunden. Ärgerlich!
Braucht zufällig jemand ein Ladegerät, ein USB-Kabel und einen Akku für Canon-Kameras? Ich hätte da was günstig abzugeben… Übergabe/Postversand wäre pünktlich zur Urlaubssaison (Mitte Juli) in Deutschland möglich ;)
- Sicherheitskopien: in Salta sind weit und breit keine Rohlinge aufzutreiben. Es ist wirklich unglaublich. Kilometer liegen hinter mir, aber keiner der großen Elektronikmärkte führt blanko CDs und kleine Läden verkaufen sie zwar einzeln, das aber nachdem sie jahrelang bei 50 Grad im sonnigen Schaufenster standen – Och nö du, Gracias!
- Regen im Sommer
Da stellt man e i n m a l seine durchgetretenen Latschen über Nacht raus vor die Tür und schon … war ja irgendwie klar… schüttet es zum ersten Mal seit Monaten und das gleich stundenlang. Merke: Sneaker in Feuchtbiotope umzuwandeln, ist keine gute Idee. Schwere Wanderschuhe als Ersatztreter bei 30 Grad auch nicht. Puh!
- Die Geschwindigkeit des Internets pegelt sich irgendwo zwischen Brieftaube bei Atlantiküberquerung und Flaschenpost (Weltumsegelung) ein, Wlan ist nur ein Werbegag der Hostels und Fotos uploaden wird zur Tagesaufgabe, die ich mehrfach aufgebe.
- Nach vier Wochen Argentinien, diversen Busfahrten und einem Inlandsflug sieht mein Rucksack dank Wassereinbruch im Gepäckraum eines Busses und unumgänglichem Staub und Dreck aus, als wäre ich nicht neun Monate sondern neun Jahre unterwegs.
Trotzdem geht’s mir gut. Ich wollte nur mal ein bisschen nörgeln...
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