Samstag, 22. März 2008

08.03.-10.03.2008

Torres Del Paine - Nationalpark

Tag 1
Trotz des Bewusstseins von all den Hardcore-Wanderern belächelt, oder gar beschimpft zu werden, hatten wir uns geeinigt, uns am ersten Tag mit einer kleinen Rundfahrt inklusive Guide einen Überblick über den Park zu verschaffen. Mit Fahrer und Guide waren wir acht Leute, davon aber die Hälfte vollkommen desinteressiert. Ein Pärchen schrieb sich mystische Botschaften an die beschlagenen Fenster, das andere Pärchen war morgens 8 Uhr sichtlich angetrunken... ich wundere mich langsam wirklich über nichts mehr.

Morgenstimmung:





In der Nacht zuvor hatte es angefangen, wie aus Kübeln zu gießen und auch am Morgen sah es leider mächtig trübe aus. Von Puerto Natales bis zum Nationalpark lagen gute 2h Fahrt vor uns, wir stoppten kurz an einer Höhle, in der Urviecher entdeckt wurden, allerdings sind die Überbleibsel (Beweise bitte!) und Fossilen in London zu bestaunen, dadurch sahen wir also lediglich eine Höhle und eine Replika des Milodon.. Aha, naja, okay, guckt man sich halt mal an, wenn's schon auf dem Weg liegt. Hauptsache war wohl, dass wir für die zehn Minuten Rumschlendern in einer Höhle, hinterher! 3000 CLP (4 Euro nochwas) bezahlten. Raffzähne. Und es sollten nicht die letzten ihrer Sorte sein.

Kurz darauf erspähten wir ein paar noch lebendige Tierchen des Parks, sehr viele Greifvögel, ein paar scheue Flamingos, weniger scheue Guanakos, Füchse sowie hin & wieder auch Exemplare der Spezies Mensch, vor allem die mit gaaaanz furchtbar großen Rucksäcken, gaaaaanz furchtbar schweren Hikingboots und gaaaaanz furchtbar colorierten Regenjacken u. - hosen. Meine Hoffnung, dass giftiges, gelbstichiges Neongrün irgendwann mal ausstirbt, scheint sich nie zu erfüllen.







Ähm.. der interessierte Betrachter kann auf diesem Bild mit viel gutem Willen Flamingos erkennen.

Obwohl die Wolken tief hingen, hatte man schnell eine Ahnung wie die Landschaft wirken muss, wenn sich der Blick am Horizont und nicht im Nebel verliert, die Farben waren auch ohne dass die Sonne schien unglaublich. Wäre die Scheibe des Autos nicht so versifft gewesen, hätte ich mir sicher die Nase an ihr platt gedrückt. Nach ein paar kleinen Runden im Park war ich schon restlos begeistert und flippte entsprechend fast aus, als die Sonne doch noch rauskam und alles in dieses weiche, verzauberte Licht tauchte. Na, jetzt übertreibt sie aber mächtig ... nee, nee.. das Licht im Torres ist Magie. Die Landschaft ist surreal, die Berge entspringen Fantasy-Bildern und wenn man sich ein bißchen für Natur begeistern kann, hat man den langen Weg in diesen Nationalpark nicht umsonst angetreten.







Wie sie sehen, sehen sie nichts. Die berühmten Berge sind wohl irgendwo.. ähm.. dort drüben..oder dort?.. vielleicht auch eher rechts davon?









Ein anderthalbstündiger Spaziergang brachte uns zu einem Lookout mit Blick auf den Grey Glacier, den konnte man in der Ferne zumindest erahnen, die Eisberge, das Wasser und die eigenartigen Bäume ganz in der Nähe entschädigten aber vollkommen für die Unfähigkeit des Auges zu Zoomen und die Unmöglichkeit, eine kleine Knipse allein Kraft der Gedanken in ein Teleobjektiv zu verwandeln.









Am zeitigen Abend ließen wir uns an einer Fährstation absetzen und schipperten über den Lake Pehoe zum Campingplatz.



Ein Bild von der Fähre - Wir waren offenbar nicht die Einzigen, die im Park übernachten wollten. An den mitgeführten Koffern kann man erkennen, dass es auch die Möglichkeit gab, für viel Geld in einem Hotel zu schlafen, selbst ein Bett im 8-Mann-Zimmer eines Hostels kostete schlappe 35 US$. Da frier ich mir doch lieber im Zelt den Arsch ab, das kann man nämlich schon ab 10 Euro haben. Dazu läpperten sich die Eintrittsgebühr für den Park (ca.22 Euro), die Fährfahrt (ca.12 Euro one way), die Busfahrt zurück in die "Zivilsation" Puerto Natales (ca.10 Euro), Verpflegung (unbezahlbar) und vergessen wir doch bitte nicht die 4 Euro nochwas für das unglaublich aufregende Füße vertreten in der Höhle - Wo Touristen sind, kann man Geld machen. In Chile gibt es viele Touristen.









Aber WOW - was für ein Basislager! Wir wollten nur noch schnell Futter zubereiten und dann den Schlaf der Gerechten nutzen, hatten aber irgendwie die Info verpasst, dass wir für die erwünschte Nahrungsaufnahme eigene Kochutensilien und Kocher benötigten. Kein Problem! Einige Momente später hatten wir alles zusammengeborgt, ließen aber gerechter Weise beim Kochen den edlen Spendern den Vortritt. Und während um uns herum alle bereits am Essen waren, machten wir wohl einen so mitleidserregenden Eindruck, dass sich ein deutsches Pärchen erbarmte und uns mit Käsebrot und Obst aufpeppelte. Nach unseren unglaublich umständlich zubereiteten Nudeln in so einer Art Soße undefinierbaren Inhalts - Motto: Hauptsache einmal am Tag warm essen - endete der Tag mit einer seeeehr heißen Dusche, um mit der gespeicherten Restwärme in den Schlafsack zu krabbeln und auf sofortiges Einschlafen zu hoffen, denn wie die Bilder zeigen, klarte es bis zum Abend auf, entsprechend kalt wurde die Nacht. Ich lag mit zwei Paar Socken, Schal und ner Fleecejacke umwickelt nahezu bewegungsunfähig in meinem Schlafsack und bibberte mich auf einer hauchdünnen Isomatte in den Schlaf. Unglaublich erholsam das Ganze ;)

Tag 2

Der Blick aus'm Zelt:



Während das Wetter vielversprechend aussah, zog in meinem Kopf eine Gewitterfront auf, ich dachte nur "todo o nada!", war bereit, sie zu ignorieren und stapfte los. Bad idea! Das Tagesziel war klar, der Grey Glacier sollte von Nahem betrachtet werden und so holperten wir mit unserem Gepäck über Stock und Stein dem nächsten Zeltplatz entgegen. Und meine Güte.. was für ein Wind! Warum werfe ich mich nicht gleich gegen geschlossene Türen, das hätte den gleichen Effekt?! Das Gewitter im Kopf wurde zu einem richtigen Unwetter, der Rest des Körpers zeigte sich solidarisch und als wir endlich am Campingplatz ankamen, wollte ich nur noch mein Gesicht ins Eis des Gletschers pressen, so fiebrig fühlte ich mich.
Werte Üetliberg-Mitstreiter und alle anderen Interessierten: Ich gebe hiermit offiziell bekannt, dass die Bergwelt nicht die meine ist. Die natürlichen Abwehrreaktionen meines Körpers teilen mir mit, was ich schon seit langem weiß: ein Gebirge, ein großer Stein, ein Felsmassiv ... alles, was über die Höhe eines Hügels hinaus geht, lässt sich auch von unten oder aus der Entfernung ganz hervorragend (und vor allem ohne Fieberanfall) betrachten. Wer mir in Zukunft den Eintrag in einem Gipfelbuch ans Herz legen will, muss schon verdammt gute Argumente haben (Nutella-Jahresration, Kinoeinladungen-Jahresration, Curry-Gerichte-von mir aus auch ne Jahresration, Büchergutscheine-Jahresration - Achtung!Gipfelbücher werden nicht akzeptiert!, Konzertkarten-Jahresration, ... und alle anderen äquivalenten Jahresrationen mit Einfluss auf meine Verhaltensbereitschaft), oder aber er hat die passende Schokolade dabei: Rittersport Alpenvollmilch.





Ich kucke schon leicht angefressen, doch es sollte noch viel schlimmer kommen... davon aber gibts keine Fotos, jedenfalls nicht im Blog ;)







das Ziel immer fest vor Augen













Zeltplatz mit Aussicht:





Auf dem Campingplatz ließen mich heißer Tee, ein prasselnder Kamin und U2's All that you can't leave behind - Album (mit Textzeilen, die natürlich nur für mich bestimmt sind - ist alles nur eine Frage der Einbildung ... I know I am not a hopeless case, Walk On, Slow down my beating heart, Stay safe tonight.. ) zuversichtlich auf eine wundersame Genesung hoffen. Aber ich hoffe ja schließlich auch, dass Neongrün verschwindet. Und? Hat's was gebracht? Siehste! Also ab ins Zelt, nachts friert es sich irgendwie effektvoller, diesmal hatte ich alle Klamotten an, die aufzutreiben waren und so wurden, während ich einschlief, Islanderinnerungen wach (Insider :)).

Tag 3:

Ich befand mich zwar in der Region Ultima Esperanza - Last Hope, aber es half alles nix.. Ich war krank. Mir war nur noch nach Schlafen, Schlafen, Tee, Schlafen, Wärme, Schlafen und fiebersenkenden Mitteln ... nicht aber nach 12km Wanderung zurück zur Fähre. Guter Rat war teuer - aber das war auch alles andere in Chile. Fassen wir die Situation zusammen: ich befand mich auf einem Zeltplatz im Nationalpark, es gab zwei Wege zurück: mit einer Gletscherexpedition, die einmal am Tag anlegt, zurück fahren und sich dann etwas umständlich nach Puerto Natales durchschlagen, oder mindestens 4h bei Wind & Wetter den Weg zurück antreten. Hm.. ich musste nicht lange überlegen, denn mir war ziemlich klar, dass der Rückweg zu Fuß ein Ding der Unmöglichkeit war. Nach einigen Diskussionen mit den Zeltplatzbetreibern, verwiesen diese mich an den Kapitän des Schiffes, machten mir aber nicht viel Hoffnung (Warum auch? Stichwort: Neongrün), dass dieser mich nur weil er auch ne Tochter in meinem Alter hat, oder aus offensichtlich notwendigen und somit schlicht humanitären Gründen kostenlos mit ans rettende Ufer bringen würde. Na toll. So stand ich dann also auf wackligen Beinen an der Anlegestelle, man sagte mir, wir würden die Umstände an Bord klären und schon schipperte ich zwischen Eisbergen rum. Nicht der schlechteste Krankentransport will ich meinen, allerdings bezweifel ich, dass meine Krankenkasse dafür aufkommt.





















An Land nahm mich ein Mitarbeiter des Unternehmens in Empfang (unangenehme geschniekelte Type) und kutschierte mich mit ein paar Touris in ein piekfeines Hotel. Nachdem alle in ihren kuscheligen Zimmern verschwunden waren, kamen wir ins Geschäft. Eigentlich verlangte er allen Ernstes umgerechnet 50 Euro von mir, schließlich hätte ich ja den Gletscherausflug mitgemacht. Das Argument, dass mir dieser quasi aufgezwängt wurde, zog irgendwie nicht. Mir war schnell klar, dass wir gerade inoffizielle Wege beschritten und da ich zwar krank, aber nicht ganz doof war .. äh.. bin, behauptete ich einfach, ich hätte gerade noch genug Geld für die offizielle Fähre und die anschließenden Busfahrt nach Puerto Natales, aber keinen Peso mehr. Das war gelogen, denn Steffi hatte mir vorher noch unbenötigtes Geld überlassen und hatte sich zu Fuß auf den Rückweg gemacht. Ich drückte ihm also ca 20 Euro in die Hand, das Geld (und damit auch die Quittung für die Krankenkasse ;)) verschwand auf wundersame Weise in seiner Hosentasche und da ich ja nun vermeintlich pleite war, bat er einen Fahrer des Hotels mich an einem strategisch günstigen Platz rauszulassen, von wo aus ich nach Puerto Natales trampen sollte. Na bitte, da hatten wir den Beweis für meine Vermutung vom ersten Augenblick: ich stand einem nicht ganz so seltenen Exemplar eines herzlosen Raffzahns gegenüber! Da mein Verstand trotz 40 Grad Fieber noch immer zu arbeiten schien, überzeugte ich den Fahrer des Hotels doch bitte einen Parkplatz ganz in der Nähe anzusteuern, auf dem mehrere Reisebusse auf Tagestouristen warten, die gerade auf der anderthalbstündigen Wanderung zum Gletscherlookout waren (siehe Tag 1). Dort wollte ich versuchen, einen freien Platz zu ergattern. Dem Fahrer gefiel meine Idee, denn er hatte sowieso Feierabend und der Parkplatz war nur fünf Minuten Fahrt entfernt. Und dann hatte ich Glück ... muss ja auch mal sein, ni wahr? Grinst mich doch tatsächlich aus dem ersten Reisebus John, unser Guide vom Samstag an. (Der aufmerksame Leser bemerkt Parallelen zu einer Geschichte aus Südafrika) John nahm mich natürlich nur allzu freiwillig mit, allerdings musste ich ihn davon überzeugen, dass ich nicht extra wegen ihm zurück gekommen war und nein, auch nicht die Bars & Clubs (???) in Puerto Natales unsicher machen wollte, schon gar nicht heute Abend. Nur für den Fall, dass ich es mir anders überlegen würde, hier sei seine Karte.. Aaaargh! Man kann sich in Chile keinen Meter bewegen, ohne angegraben zu werden. Auf dem Rückweg knipste ich dann noch ein paar Bilder und kam nach mehrstündiger Odysee mehr tot als lebendig wieder in Puerto Natales an, ein paar Euro ärmer, aber auch ein paar unbezahlbare Eindrücke reicher. Ende meiner Torres Del Paine Erfahrung.











2 Kommentare:

  1. Ist dir eigentlich selber schon aufgefallen, dass die Erwähnung von des Begriffes Nutella mit der Anzahl der Reisetag ansteigt - Kann ich sehr gut nachvollziehen..
    Sehr schöne Berichte.
    Björn (H.)

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  2. Über so einer Reise schwebt ja oft die Frage, was man wirklich will im Leben. Zumindest in Sachen Schokoladenbrotaufstrich weiß ich darauf nun zweifelsfrei eine Antwort - naja, eigentlich war mir das vorher schon klar :)

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