Montag, 4. Februar 2008

01.02.-04.02.2008

Hola Amigos!

So schnell kann es gehen. Vor einer Woche war ich noch in Sydney, guckte anschließend ein paar Tage in Wellington und Auckland nach dem Rechten – alles beim Alten - und nun also schwirre ich in Südamerika umher. Der Flug von Auckland nach Santiago war lang und langweilig, ich hatte zum ersten Mal seit Reisebeginn keinen Fensterplatz, aber eigentlich gab es auch nichts zum Gucken, denn man flog elf Stunden nur über Wasser.



Standbild



mal kein Chicken



was aussieht wie ein Auge, ist die Flugroute, leider nicht wirklich gut zu lesen

Natürlich bereute ich bei den „Ah-„ und „Oh“-Rufen angesichts der Anden beim Anflug auf Santiago dann doch, dass ich erst so spät am Flughafen war und sich die Frage „window or aisle?“ nicht mehr stellte. In Auckland hatte ich mich nämlich mal wieder ordentlich im Buchladen vertrödelt *Hust* Beim Blick auf die Uhr habe ich den Lonely Planet Chile & Easter Island kurzerhand doch gekauft, es gab 20% Rabatt auf alle Bücher dieser Reihe und obwohl ich eigentlich keinen Lonely Planet mehr in mein Bücherregal lassen wollte, entschied in diesem Fall der Preis (und Zeitdruck) mein Kaufverhalten. Bis dahin wusste ich nur, dass ich in Santiago lande, hatte aber keine Pläne, wie es weitergeht. Um ehrlich zu sein, habe ich noch immer keine Ahnung, nur so eine Idee. Und ich fluche über die ungünstige Positionierung Santiagos, denn wenn ich einmal Richtung Süden/Patagonien/Feuerland aufbreche, werde ich wohl kaum noch mal in den Norden düsen, dann schon eher durch Argentinien. Also doch erst Norden? Westen? Zug? Bus? Flug? Und was ist mit Rapa Nui? Hm, das scheitert wahrscheinlich an den unverschämten Flugpreisen. Aaaaarrrghhh! Zurück zum Flug - wie klein die Welt ist, bewies sich mal wieder, als ich im Flieger auf das Britische Pärchen traf, dem ich am Vormittag auf der Post in der Innenstadt erklären musste, dass sie für eine Postkarte nach Australien eine internationale Briefmarke bräuchten, denn Nein, Neuseeland und Australien sind nicht die Inseln eines Landes. Pffff, Briten!
Im Ohr hatte ich sehr entspannte Klänge von Horizonte Chile, deren Playlist sich aus der Angebotspalette „Musikalische Unterhaltung bei Langstreckenflügen“ mehr als hervortat, auch weil sie meiner externen Festplatte nahe kommt und dadurch im Loop lief.



Playlist - das Foto ist leider von mieser Qualität, man könnte ansonsten Sigur Ros, Calexico, Prefuse 73, The Flaming Lips, The Magnetic Fields, Blur, Iron & Wine, Thom Yorke, Depeche Mode, Belle & Sebastian, UNKLE etc darauf lesen

Das Filmangebot war weniger berauschend, Los Simpson kamen leider doch nicht wie angekündigt, dafür sah ich „The Brave One“ (man, man, man, was für ein Scheiß), „The Nanny Diaries“ (man, man, man, was für ein Scheiß) und „Mr. Magorium’s Wonder Emporium“ (man, man, man… Dustin Hofmann riss es raus, das Ende hab ich verpennt, es ist ein Kinderfilm für Erwachsene mit Phantasie und da mein Fantasialand nun auch schon 30 Jahre alt ist, war der noch der Beste der Auswahl).



Rush Hour 3 oder 4 oder 432 hab ich mir jedenfalls gespart. Schnell hochgerechnet, merkt man: ich habe nicht wirklich geschlafen. Hätte ich mal besser tun sollen, denn kurz hinter Neuseeland überflogen wir die Datumsgrenze, so dass ich zwar freitags halb sechs abends losflog, aber ... Überraschung ... auch freitags in Santiago ankam, allerdings mittags kurz vor eins. Wow, ich bin eine Zeitreisende. In Santiago gelandet, kam ich mir vor, wie in einer modernen Ausgabe von „Nepper, Schlepper, Bauernfänger“. Kaum hatten sich die Türen geöffnet, umgaben einen Stimmengewirr, Schilder, wedelnde Arme, man wurde sofort von allen Seiten bequatscht, der Run auf übermüdete Touristen hatte begonnen. Zwischen all dem Trubel forderten zahlreiche Schilder ausdrücklich, nur offizielle Transportmittel zu nutzen – zur Sicherheit. Schön, dass der eigentlich arrangierte Abholservice vom Hostel dann nicht klappte. Nicht ganz blöd, hatte ich natürlich die Nummer meiner Herberge aufgeschrieben und wollte anrufen. Also musste ich erstmal Geld abheben. Und hier begann das erste Abenteuer: drei der vier Automaten auf dem Flughafen spuckten kein Geld aus und vor dem vierten stand eine ungefähr 300m lange Schlange (ungiftig, obwohl ... die Stimmung war schon gereizt). Da ich ja alle Zeit der Welt hatte, fragte ich eine Angestellte der Flughafeninformation, ob es denn nicht noch einen Automaten gäbe. Natürlich gab es einen, aber keiner der zahlreichen Sicherheitskräfte oder der Fahrer auf Kundenfang erachtete es für nötig, Bescheid zu geben – zu ihrem eigenen Nachsehen, denn: kein Geld, kein Transport, ihr Pappnasen! Das Fräulein vom Infoservice sprach übrigens kein Englisch, was mich auf dem Internationalen Flughafen dann doch etwas verwunderte. So kam es, dass mein erstes gelerntes Wort cajero automatico wurde, das hatte ich nämlich aus der Entfernung noch lesen können. Kaum hatte ich also einen funktionierenden Geldautomaten gefunden, stand ich vorm nächsten Problem: Wieviel hebe ich ab? Nicht die geringste Ahnung vom Umrechnungskurs und auch nicht gewillt, mein Konto leerzuräumen, begnügte ich mich mit einem guten Mittelweg und hob, wie sich später herausstellte, läppische 100 Euro ab. Also ungefähr genauso viel wie es mich Gebühren kosten wird. Nuja. Nach erfolgreicher Transaktion stolzierte ich wieder an den mir mittlerweile gut bekannten Schleppern vorbei, die schon grinsend in der Ecke standen und darauf warteten, dass ich doch noch zu ihnen komme. Ha, denkste! Meine erste Anlaufstation war ein Laden voller Schokoriegel, den ich aber nicht plünderte, sondern lediglich nutzte, um an Münzen zum Telefonieren zu kommen. Tuuut tuuut ... falsche Nummer. Toll! Die Typen grinsten noch breiter, als ich zum zweiten Mal, noch immer unerschüttert, an ihnen vorbeimarschierte. Ich nahm den piekfein aussehenden Hotel-Reservierungen – Schalter ins Visier und fragte, ob sie nicht vielleicht die richtige Nummer hätten. 200 Seiten Telefonbuch später (was natürlich auch hier alphabetisch geordnet ist, aber ich wollte den jungen Mann nicht unterbrechen, vielleicht liest er das ja gern) hatte ich endlich die korrekte Nummer. Der begeisterte Telefonbuchleser rief höchstselbst im Hostel an und verwies mich dann zu einem Shuttleservice am anderen Ende der Empfangshalle. Souverän winkte ich den bereits Wetten abschließenden Fahrern zu und keine fünf Sekunden später, nachdem sich drei der Mitarbeiter um mich geschart hatten und mir versicherten, dass ich schon so gut wie da sei, saß ich endlich im Kleinbus und düste Richtung Stadt.



das rote Haus = Hostel

Ich war (und bin) erstaunlich unaufgeregt. Pablo, der Rocker von der Rezeption, wie geschaffen dafür, als Testimonial für Heavy Metal Shirts und – Armbereifung entdeckt zu werden, erzählte mir, dass über 6.000.000 Menschen in Santiago leben. Das macht gute 40 % der Chilenischen Population aus. Er erwähnte auch, dass eigentlich keiner hier leben will, weil einen die Stadt krank macht, man keine Luft bekommt. Das konnte ich noch am gleichen Tag bestätigen, denn das Atmen fällt tatsächlich schwer, nicht nur, weil ich schon wieder erkältet bin, sondern weil Santiago eingekesselt im Tal liegt und von einer Smogschicht quasi luftdicht abgeschlossen ist. Man wundert sich, dass beim Durchfliegen des Luftraums Santiagos nicht die Sauerstoffmasken im Flugzeug ausgelöst werden. Der erste Eindruck: die Stadt ist sauber, was den Boden betrifft, verdreckt & stickig alles was einen oberhalb der Fußsohlen umgibt, ansonsten ist es hier laut, aber freundlich, konservativ, aber chaotisch, sehr 70er Jahre, aber aufstrebend, nicht besonders schön, eher Durchschnitt. Es gibt zahllose streunende Hunde, Unmengen Tauben, viel Platz, breite Straßen, einen scheinbar gesetzlosen, aber fließenden Verkehr – wieder einmal beweist sich, Hupen hilft. Es gibt wahnsinnig viel Security, überall stehen sie rum, Sicherheitskräfte und Carabinieres ausgestattet wie zum Putsch bereit und permanent in ihre Funkgeräte plappernd. 2kg Pfirsische kosten 0.50 Euro, genauso viel 1kg Bananen oder Trauben. Diesel kostet ca. 0.70 Euro, Benzin 0.90 Euro.









Die nationalen Lieblingslimonaden in grellorange heißen Bilz und Pap, neben der Farbe ein weiterer Hinderungsgrund, sie zu probieren.



Ich trinke diese Plärre eigentlich überhaupt nicht, fand die Flasche aber so toll. Weiber!

Der Chilene raucht, wo er geht und steht und liebt sein Klapphandy. Auf die Busse sollte man aufspringen, anhalten ist für den Fahrpreis (0.20 Euro durch die komplette Stadt) auch wirklich zuviel verlangt.









Legenden unter sich

Es gibt kleine, dunkle Straßen, in denen das Ewiggleiche angeboten wird, so bin ich schon durch die Straße des Zwirns, der Kloschüsseln, Mischbatterien, Friseurhauben gebummelt – brauchte allerdings nichts davon. Kleine Händler bieten auf offener Straße Vorhängeschlösser, Disney-Aufkleber, Ohrringe, Kräuter, einzelne Tabletten, Betriebssysteme an, Joghurt gibt es in kleinen Verschlägen, bei 30 Grad ohne Kühlung ungefähr genauso gesund, wie das Eis, was umherlaufende Händler aus Pappkartons verkaufen, vielleicht ist das aber auch eine von mir verkannte Huldigung an Salmonellen.



Fischmarkt - angesichts der Temperaturen auch ein Geruchserlebnis



Dreckschleuder Rio Mapocho. Wenn man die Augen ganz doll zusammenkneift, kann man dort, wo die Wolken sind, die Anden erkennen. Wirklich wahr!



so siehts an fast jeder Ecke aus



Bauästhetik



typisch Santiago - war aber Sonntag, deswegen sind die Straßen so leer



Auch typisch, umso verwunderlicher, dass die Luft dennoch so schlecht ist

Öffentliche Toiletten sind selten, teuer, aber noch lange nicht sauber. Toilettenpapier gibt es außerhalb (!) der Kabinen, man sollte also vorher wissen, was für Geschäfte man zu tätigen gedenkt. Nach Monaten im Paradies für öffentliche Toiletten (Australien und Neuseeland), wo selbst das Plumpsklo im Nationalpark sauberer ist, als eine Toilette auf Straße E – vor der Party, bedeutet das eine gewisse Umstellung. Da die Häuser teilweise sehr alt und zumindest die Leitungen baufällig sind, wird unter Umständen darum gebeten, das Toilettenpapier im Mülleimer zu entsorgen. Auch das ist gewöhnungsbedürftig, wahrscheinlich aber nicht untypisch. Doch ich bin neu hier, völlig unvorbereitet und darf mich deshalb noch wundern. Fazit nach den ersten Tagen: wenn ich mich ein wenig organisiert habe, hält mich in Santiago nix mehr. Außerdem ist es mir hier in diesem Kessel echt zu warm. Das Thermometer hält sich bei 30 Grad, die aber fühlen sich an wie 50, dazu diese Nicht-Luft ... *japs hust. Mein Akklimatisierungsprozess ist jedenfalls noch im vollen Gang, deshalb bin ich nach den paar Zeilen auch ganz fürchterlich erschöpft und werfe eine "hasta luego!" in den weltweiten Raum.

Australien und Neuseeland werden natürlich noch nachgereicht...

4 Kommentare:

  1. Wird ja auch Zeit, das du wieder allein durch die Welt reist. So kommst du wenigsten deinen Pflichten den Daheimgebliebenen gegenüber nach.
    Schön von dir zu lesen. Viel Spaß ich Chile.

    Björn

    PS Elias entdeckt die Fortbewegung.

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  2. hallo drea, schön von dir zu lesen :-) denk drann jetzt kommt es auf den richtigen moment an und dann ist der rinderzüchter da :-) ich bin eingeladen, dass steht fest...! wirklich schon von dir zu lesen, wünsch dir noch viel spaß in chile.

    glg jens

    ps:morgen ist eine mail für dich auf dem weg.

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  3. sag mal, sind wir eigentlich in derselben zeitzone??? bei uns sind allerdings -20 grad...
    m.

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  4. @m.
    ich glaube, ich bin dir ein klein wenig voraus :), denn der zeitunterschied von deutschland nach chile ist -4 stunden. wenn bei euch immer noch -20 grad sein sollten, gibt es derzeit einen temperaturunterschied von stolzen 54 grad zwischen uns.. krass
    @jens:
    ich lese immer nur rinderzüchter. vernachlässigt mir die weinbauern nicht.. erstgenannte gibt es wohl vor allem in argentinien, dort fahre ich aber später erst hin. alle chilenen, die ich bisher kennenlernte - und das waren nicht viele, gehen ganz gewöhnlichen berufen nach, oder gar keinem :)
    @björn:
    pflichten??!! pass ma uff freundchen, wer musste denn hier wen erinnern? ;) schick doch ma n foto vom nachwuchs.

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