Achtung, längerer Text
Am Freitag wollte Stevin uns die Geschichte Südafrikas näher bringen. Er zitierte uns in sein Büro, wirbelte Zahlen und Fakten durch den Raum, mehr oder weniger anschaulich illustriert von chaotischen Tafelbildern und Querverweisen. Als wir uns der Thematik Apartheid näherten, merkte man überdeutlich, dass es jetzt ans Eingemachte gehen sollte, denn Stevin, selbst ein Coloured (also hervorgegangen aus nem mixed couple), musste mehrmals in seinem Redezwang stoppen. Ich nahm die Pausen dankbar an, heftete meinen Blick hilflos ans Fenster und versuchte den Kloß im Hals runterzuwürgen. (Nicht nur) Als Deutscher weiß man, wozu Menschen fähig sind, nach dem Warum fragt man besser nicht, denn plausible Antworten kann es nicht geben. Stevin hat sechs Geschwister, seine Mutter ist Irin, sein Vater schwarzer Südafrikaner. Um die Rassentrennung umzusetzen, zitierte man alle Südafrikaner in Verwaltungsbüros und ließ sie folgenden Test mitmachen: man steckt den Menschen einen Kugelschreiber/Bleistift ins Haar, lässt den Getesteten den Kopf nach vorn neigen, wenn der Stift rausfällt, bist du ein Weißer, wenn sich der Stift im Haar verfängt, bist du zumindest Coloured und damit jeglicher Willkür ausgesetzt. Die Konsequenzen sind weitestgehend bekannt: kein Kontakt mit Weißen, du hast den Fußweg zu verlassen, wenn dir Weißer begegnet, du darfst dich nur zu bestimmten Zeiten und nur in bestimmten Gebieten aufhalten etc. Die "Rechtmäßigkeit" dieses Tests zeigt sich übrigens am besten an Stevins Familie: zwei seiner Geschwister haben glatte Haare, der Stift fiel auf den Boden, sie wurden als weiß eingestuft, dem Rest der Kinder wurde das Leben daraufhin erschwert. Stevin nahm uns dann mit auf eine Reise durch Kapstadt, zeigte uns ein paar historische Orte und erzählte immer persönlicher vom Kampf gegen Apartheid und Diskriminierung, auch davon, dass er im Gefängnis saß und was sie dort mit ihm gemacht haben (mir wurde nicht zum einzigen Mal an diesem Tag übel), er sprach darüber, wie er als politischer Flüchtling nach Europa kam, wie die Familie über Jahre separiert wurde und irgendwann stellte sich heraus, dass er Mandela persönlich kennt. Und über all seinen Erzählungen, die für ihn offensichtlich so eine Art Konfrontationstherapie sind, wuchs in mir der Respekt vor diesem Mann, der immer wieder betonte, dass er nicht vergessen, aber vergeben hat. Ich kann das hier nicht alles wiederholen, was er uns erklärt hat, ich hab das Gehörte noch nicht mal selbst verarbeitet. Zum Schluß fuhr er uns in ein Township. Man kennt die Bilder, aber wenn man das Leben dort mit eigenen Augen sieht, glaubt man an gar nix mehr. Mir fehlen echt die Worte. Immer noch. Drei Tage später.
Ich schreib jetzt nix doch weiter dazu. Alles weitere kann man (nicht nur) im www nachlesen, Stichwort Apartheid.Übrigens fiel der Stift nicht aus meinen Haaren. Den Blick, den mir Stevin daraufhin zuwarf, werde ich so schnell nicht vergessen.
Mannmannmann, mir ist ja beim nichtsahnenden Lesen vorhin erstmal die Kinnlade runtergeklappt. Ich musste mir das auch mehrfach durchlesen, ganz besonders den letzten Satz(!).
AntwortenLöschenAber hey, das ist gelebte Geschichte aus erster Hand, so etwas widerfährt nicht jedem! Und eine solche Geschichte brennt sich auch ins Gedächtnis ein - mir selbst sind da erst letztens beim Ausräumen der Wohnung meiner verstorbenen Großmutter einige Dinge wieder in Erinnerung gerufen worden...
Puuuh, ich kann nachvollziehen, wie es einem dabei geht. Meine Cousine war auf dem deutschen Internat in Windhoek, Namibia (ehemals auch Deustch-Südwest). Als ich nach einer langen Reise durch Botswana und Südafrika dort ankam dachte ich, jetzt bist Du vielleicht in einem Land mit etwas weniger beschämender Vergangeneheit. Am nächsten Tag las ich dann die Wahlergebnisse der Schülervertretung: Mit 58% der Stimmen siegte die Gruppierung "rechts von Adolf"....
AntwortenLöschenMenschen sind zu Dingen in der Lage..Wir werden das nie begreifen.
Verlier nicht den Glauben an das Gute!!! Wer das verliert, verliert seinen Humor. Und wenn Du Dein Lachen verlierst ist niemandem geholfen! Das wird hier übrigens vermisst!